Leben vergeht

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Vom Wellenschlag
vergleitenden Lebens gewiegt,
schaue ich
ins große Dunkel der Tage,
mit denen Jahr um Jahr entfliegt.

 

Zwei Herbste

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Für dich, der fortgeht,
und für mich, die zurückbleibt,
sind es zwei Herbste.

Buson ( 1715-1783)

Gefährten durch alle Gezeiten. Einst. Sommerverbunden.

Heute angekommen in gemeinsamer Wintereinsamkeit. Jenen blaudunstigen Novembertagen, die leise entfliehen.

Die Bank, auf der du wartest, verwittert in vielen Herbsten. Brüchig. Steht sie auf einer Lichtung, dort unter dem Maulbeerbaum.

Habe ich mich verlaufen im Dickicht der Jahre? Verirrt im Labyrinth leerer Versprechungen?

Das letzte herbstverlorene Blatt löst sich vom kahlen Holz des Baumes. Fällt. Wir fallen, finden uns? Einer im anderen. Immer schon.

Einsamkeit ist wie ein Regen …

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Einsamkeit

Einsamkeit ist wie ein Regen.
Sie steigt vom Meer den Abenden entgegen;
von Ebenen, die fern sind und entlegen,
geht sie zum Himmel, der sie immer hat.
Und erst vom Himmel fällt sie auf die Stadt.

Regnet hernieder in den Zwitterstunden,
wenn sich nach Morgen wenden alle Gassen
und wenn die Leiber, welche nichts gefunden,
enttäuscht und traurig von einander lassen;
und wenn die Menschen, die einander hassen,
in einem Bett zusammen schlafen müssen:

dann geht die Einsamkeit mit den Flüssen…

R.M. Rilke

Zwei

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Zwei auf einem Weg. Dem gemeinsamen Ziel entgegen. Zukunftswärts. Hand in Hand den Sommer zu durchqueren. Ihre Blicke stets nach vorn. Und dann doch ein Augenblick, einen Lidschlag zu lang … wurde es einer jener kostbaren Momente, die insgeheim ein ganzes Leben lang Gültigkeit behalten. Es gab nichts Trennendes mehr.

 

 

 

Fenster zum Hof

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Foto: Uta Lösken

Fenster zum Hof. Schwere Gardinen verhindern den Durchblick in die Hitze des Mittags. Verwehren den Ausblick in die flirrenden Farben des Sommers.

Erst am Abend, wenn die Dämmerung vor neugierigen Blicken schützt und die Luft abkühlt, sind die Flügel der Fenster weit geöffnet. Die Vorhänge zurückgezogen. Die roten und blauen Läden laden ein, hinaus – und hineinzuschauen. Gedämpftes Gemurmel, Sprachfetzen dringen aus den Kammern in den Hof. Streit, Versöhnung, Begegnung. Das Klappern des Geschirrs verfängt sich, Duft von gebackenem Brot verströmt sich im Innenhof. Gläser klirren, Menschen lachen laut auf. Die Geräusche werden zwischen den Mauern hin und her geworfen. Gleich den Mauerseglern, die um die Hausecken stürzen.  Sie gleiten hinauf und hinab. Ihr schriller Schrei gehört zum Sommer in der Stadt wie das Eisessen und seidige Spagettiträger auf brauner Haut. Pfeilschnell rasen sie durch die Häuserschluchten. Um Mitternacht ertönen zarte Melodien eines Klaviers ins fliehende Blau  der Nacht. Piano, forte, fortissimo. Hier und da huscht ein heller Schein über die Zimmerdecke vom Flackern der Kerzen. Jene Windlichter, die im Hof auf den Tischen stehen.

Stimmen dringen wie von weit her zu uns hinauf. In der Nacht haben Worte einen besonderen Klang, leise, gedämpft, zärtlich. Voller Ahnungen, voller Versprechungen. Die Luft vibriert. Erzählt Geschichten. Dort drüben Gesang, vis a vis ein wimmerndes Weinen. Leben mit all seinen Höhen und Tiefen. Melancholie und Jubel, Tief-und Leichtsinn. Fenster an Fenster, Raum an Raum zu ein und derselben Zeit.

 

Sommer

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Es sind die Sommer der Kindheit, deren Duft die Erinnerung durchweht.  Diese blauen Tage, nicht enden wollend, groß und weit wie ein riesiger Türkis. Tief und bedeutend wie ein Lapislazuli. Die Häuser schrumpften in der Hitze zusammen. Standen geduckt wie Schatten. Während sich das Außen unter der Glut der Sonne zu einem schier unendlichen Raum weitete. Sonnenselige Tage inmitten der Getreidefelder, der gemähten Wiesen, auf denen  Heuballen verstreut lagen. Von den fernen Feldern das heimelige Dröhnen der Treckermotoren. Vertraut. Über allem lag eine wohlige Trägheit. Und am Abend der nächtliche Gesang der Grillen. Das Zirpen der Zikaden.  Glühwurmsommernächte, in denen wir den Atem anhielten, andächtig. Um das Wunderbare, den Zauber der Natur durch jede Pore in uns hineinfließen zu lassen. 

Sommer, das ist Schweigen angesichts des übervollen Lichts und der satten Klarheit der Farben. Betörend wie die Mohnfelder, die das Rot hinausposaunen und das Herz jubeln lassen.  Rote Flut, die berührt bis es schmerzt. Betend, dass sie nie enden möge, diese Fülle. Unvergessene Sommermomente, deren Erinnerung im Winter wärmt. Mohnfelder, die den Schnee schmelzen lassen. 

Roter Juni

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Der Juni ist ein heitres Kinderrot
im Monat Juni blüht der Mohn
Erdbeerglüh’n und Himbeerduft
das ist des düstren Winters Lohn

Der Juni ist nicht weiß und rein
er brennt und glüht
wie ein Vulkan
vor dessen Ausbruch niemand fliehen kann

Der Juni weist den Neubeginn
verruchter heißer Sommerzeit
wo Tag und Nacht im Brande steh’n
benommen und beschwingt
oh Herr,
lass diese Flut niemals vorübergeh’n!

Am Strande

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Vorüber die Flut.
Noch braust es fern.
Wild Wasser und oben
Stern an Stern.

Noch braust es fern.
Der Nachtwind bringt
Erinnerung und eine Welle
Verlief im Sand.

Rainer Maria Rilke

 

Beheimatet sein im Wandel

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Das ist Sehnsucht: Wohnen im Gewoge, zuhause sein im Wellengang.

Die Sehnsucht nach Land, nach  bekanntem Vor Anker Gehen. Sie führt den Kraftlosen in Versuchung. Kurz. Doch er weiß: Heimat das ist nicht ein Haus aus Stein, ein Dorf, eine Zeit. Heimat das sind sich wandelnde Wünsche, Heimat das sind die kostbaren Stunden. Leise Dialoge mit dem Ich und Du, Zeiten inniger Zuneigung, die bleiben wie die Ewigkeit.

Worte sind Heimat, still und dicht. Gedichte aus denen das wunderbare Schweigen einer seltenen Stunde spricht. Lyrische Zeilen, die herausfallen aus der Zeit, die der Vergänglichkeit entkommen, leise lächelnde Buchstaben der Ewigkeit.

 

Vom Wurzeln und Fliegen

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Feines Geäst, starkes Geflecht. Wunder der Natur, das Wurzelwerk. Unterirdisches Gebein der Bäume, welches Kraft in die Krone verströmt. Wilde Wurzeln lassen das Geäst verzweigen, den Saft Blatt für Blatt ins Blau des Himmels steigen. Dem Gesetz der Schwerkraft zum Trotz. Je tiefer und weiter das Wurzelwerk, desto höher der Baum. Zarte Zweige wiegen sich waghalsig im Wind. Stolz steht der Stamm im Sturm. Wohlwissend, dass er nicht fällt, vertraut er seinen Wurzeln.

Vögel bauen ihr Nest im grün-dichten Geäst. Kreisen um die Krone, schlagen mit den Flügeln, erheben sich im Wind, fliegen auf. Gleiten hin zu Höhenflügen. Die Melodie der Freiheit im Gefieder, Feder für Feder, Ton um Ton. Das Laub raschelt und raunt sein Lied vom Blick ins satte Sehnsuchtsblau.

Verwurzelt sein ist Quelle und Beginn. Und doch, fliegen und abheben können ist gelebter Traum:

Sich emporheben, um dort oben mit den Vögeln am Himmel zu tanzen.