Zwei

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Zwei auf einem Weg. Dem gemeinsamen Ziel entgegen. Zukunftswärts. Hand in Hand den Sommer zu durchqueren. Ihre Blicke stets nach vorn. Und dann doch ein Augenblick, einen Lidschlag zu lang … wurde es einer jener kostbaren Momente, die insgeheim ein ganzes Leben lang Gültigkeit behalten. Es gab nichts Trennendes mehr.

 

 

 

Fenster zum Hof

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Foto: Uta Lösken

Fenster zum Hof. Schwere Gardinen verhindern den Durchblick in die Hitze des Mittags. Verwehren den Ausblick in die flirrenden Farben des Sommers.

Erst am Abend, wenn die Dämmerung vor neugierigen Blicken schützt und die Luft abkühlt, sind die Flügel der Fenster weit geöffnet. Die Vorhänge zurückgezogen. Die roten und blauen Läden laden ein, hinaus – und hineinzuschauen. Gedämpftes Gemurmel, Sprachfetzen dringen aus den Kammern in den Hof. Streit, Versöhnung, Begegnung. Das Klappern des Geschirrs verfängt sich, Duft von gebackenem Brot verströmt sich im Innenhof. Gläser klirren, Menschen lachen laut auf. Die Geräusche werden zwischen den Mauern hin und her geworfen. Gleich den Mauerseglern, die um die Hausecken stürzen.  Sie gleiten hinauf und hinab. Ihr schriller Schrei gehört zum Sommer in der Stadt wie das Eisessen und seidige Spagettiträger auf brauner Haut. Pfeilschnell rasen sie durch die Häuserschluchten. Um Mitternacht ertönen zarte Melodien eines Klaviers ins fliehende Blau  der Nacht. Piano, forte, fortissimo. Hier und da huscht ein heller Schein über die Zimmerdecke vom Flackern der Kerzen. Jene Windlichter, die im Hof auf den Tischen stehen.

Stimmen dringen wie von weit her zu uns hinauf. In der Nacht haben Worte einen besonderen Klang, leise, gedämpft, zärtlich. Voller Ahnungen, voller Versprechungen. Die Luft vibriert. Erzählt Geschichten. Dort drüben Gesang, vis a vis ein wimmerndes Weinen. Leben mit all seinen Höhen und Tiefen. Melancholie und Jubel, Tief-und Leichtsinn. Fenster an Fenster, Raum an Raum zu ein und derselben Zeit.

 

Sommer

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Es sind die Sommer der Kindheit, deren Duft die Erinnerung durchweht.  Diese blauen Tage, nicht enden wollend, groß und weit wie ein riesiger Türkis. Tief und bedeutend wie ein Lapislazuli. Die Häuser schrumpften in der Hitze zusammen. Standen geduckt wie Schatten. Während sich das Außen unter der Glut der Sonne zu einem schier unendlichen Raum weitete. Sonnenselige Tage inmitten der Getreidefelder, der gemähten Wiesen, auf denen  Heuballen verstreut lagen. Von den fernen Feldern das heimelige Dröhnen der Treckermotoren. Vertraut. Über allem lag eine wohlige Trägheit. Und am Abend der nächtliche Gesang der Grillen. Das Zirpen der Zikaden.  Glühwurmsommernächte, in denen wir den Atem anhielten, andächtig. Um das Wunderbare, den Zauber der Natur durch jede Pore in uns hineinfließen zu lassen. 

Sommer, das ist Schweigen angesichts des übervollen Lichts und der satten Klarheit der Farben. Betörend wie die Mohnfelder, die das Rot hinausposaunen und das Herz jubeln lassen.  Rote Flut, die berührt bis es schmerzt. Betend, dass sie nie enden möge, diese Fülle. Unvergessene Sommermomente, deren Erinnerung im Winter wärmt. Mohnfelder, die den Schnee schmelzen lassen. 

Roter Juni

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Der Juni ist ein heitres Kinderrot
im Monat Juni blüht der Mohn
Erdbeerglüh’n und Himbeerduft
das ist des düstren Winters Lohn

Der Juni ist nicht weiß und rein
er brennt und glüht
wie ein Vulkan
vor dessen Ausbruch niemand fliehen kann

Der Juni weist den Neubeginn
verruchter heißer Sommerzeit
wo Tag und Nacht im Brande steh’n
benommen und beschwingt
oh Herr,
lass diese Flut niemals vorübergeh’n!

Am Strande

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Vorüber die Flut.
Noch braust es fern.
Wild Wasser und oben
Stern an Stern.

Noch braust es fern.
Der Nachtwind bringt
Erinnerung und eine Welle
Verlief im Sand.

Rainer Maria Rilke

 

Beheimatet sein im Wandel

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Das ist Sehnsucht: Wohnen im Gewoge, zuhause sein im Wellengang.

Die Sehnsucht nach Land, nach  bekanntem Vor Anker Gehen. Sie führt den Kraftlosen in Versuchung. Kurz. Doch er weiß: Heimat das ist nicht ein Haus aus Stein, ein Dorf, eine Zeit. Heimat das sind sich wandelnde Wünsche, Heimat das sind die kostbaren Stunden. Leise Dialoge mit dem Ich und Du, Zeiten inniger Zuneigung, die bleiben wie die Ewigkeit.

Worte sind Heimat, still und dicht. Gedichte aus denen das wunderbare Schweigen einer seltenen Stunde spricht. Lyrische Zeilen, die herausfallen aus der Zeit, die der Vergänglichkeit entkommen, leise lächelnde Buchstaben der Ewigkeit.

 

Vom Wurzeln und Fliegen

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Feines Geäst, starkes Geflecht. Wunder der Natur, das Wurzelwerk. Unterirdisches Gebein der Bäume, welches Kraft in die Krone verströmt. Wilde Wurzeln lassen das Geäst verzweigen, den Saft Blatt für Blatt ins Blau des Himmels steigen. Dem Gesetz der Schwerkraft zum Trotz. Je tiefer und weiter das Wurzelwerk, desto höher der Baum. Zarte Zweige wiegen sich waghalsig im Wind. Stolz steht der Stamm im Sturm. Wohlwissend, dass er nicht fällt, vertraut er seinen Wurzeln.

Vögel bauen ihr Nest im grün-dichten Geäst. Kreisen um die Krone, schlagen mit den Flügeln, erheben sich im Wind, fliegen auf. Gleiten hin zu Höhenflügen. Die Melodie der Freiheit im Gefieder, Feder für Feder, Ton um Ton. Das Laub raschelt und raunt sein Lied vom Blick ins satte Sehnsuchtsblau.

Verwurzelt sein ist Quelle und Beginn. Und doch, fliegen und abheben können ist gelebter Traum:

Sich emporheben, um dort oben mit den Vögeln am Himmel zu tanzen.

Die Verhältnisse

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Die Verhältnisse,
in denen du
nichts Neues über dich
erfährst,
die Verhältnisse,
die dich kleiner machen
als deine Freunde
dich kennen,
die Verhältnisse,
in denen du
den Kopf einziehen
und die Knie beugen mußt,
um stehen zu bleiben –
diese Verhältnisse
mußt du
verändern oder
verlassen

Heinz Kahlau

FrühlingsErwachen

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Noch ist es still.

In mir das Schweigen des Schlafes. Die Gedanken hauchdünn mit den Träumen verbunden. Flanieren auf diesem unsichtbaren Band zwischen Nacht und Tag, zwischen Schlafen und Wachen. Sie wandeln den Träumen hinterher. Ich nehme sie mit, die Traumfetzen, die mein Ich jeden Tag neu formen. Bis kurz vor Sonnenaufgang, bis dessen blass-blaues Licht, dessen Strahlen meine geschlossenen Lider durchdringen. Ein Weckruf der Seele, den ich erhöre.

Es sind die Texte, die als erstes mit mir sprechen. Worte, die in mir aufsteigen, in dieser frühmorgendlichen Stimmung. Ein Echo der Träume. Kostbare Eindrücke, die bei starkem Kaffee und dem Blick ins schüchterne Blau in Zeilen fließen.

Das Morgenrot taucht die Welt in weiches Licht und die Vögel singen Hymnen auf den neuen Tag. Die Stadt beginnt zu blinzeln, gleich wacht sie auf. Dumpfe Geräusche von Bussen und Bahnen dringen aus der Dämmerung. Bis eine gewaltige Welle des allseitigen Anfangens und Beginnens die Stille überflutet.

Manchmal, während alles schläft, durchwache ich eine ganze Nacht. Wenn es dann tagt, die Vögel ihr Konzert anstimmen und am Himmel zart dieses ganz besondere Licht erblüht, dann bin ich eine Heldin. Der Tag beginnt mit diesem Hochgefühl, diesem Flackern in der Seele. Der puren Lust des Anfanges. Das ist Leben, ist Lebendigkeit, jene wunderbar aufkeimende Energie bevor das Tagwerk seinen Lauf nimmt. Bevor mich der Fluss des Alltags mitreißt.

Die Bank

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Als wäre das Gestern heute. Deine Tasche neben meiner. Wir kauften die gleichen Turnschuhe. Deine Hände in meinen. Der Raps ein Meer aus Honig. Wir tanzten, tanzten immer enger ein „ich liebe dich“. Bis dunkle Wolkengebirge sich drohend erhoben,  der Himmel aufriss. Es regnete Abschiede, Unwahrheiten, Wunden. Böse Worte kleben immer noch an der Bank. Ich wollte uns so unerträglich gern beschützen. Jahre später ein Brief. Du fehlst mir, mein Freund. Wir fehlen uns, verfehlten uns. Löschen das Feuer mit dem Wasser der Vernunft.