Eisblumen

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Eisblumen blühen in der Nacht. Formen gleich feinen Federn, die der Frost auf die Fenster zaubert. Bizarre Figuren, wie geeiste Spitze. Zart, dahingehaucht. Feinblättrige Farne, die emporwachsen und den Blick in das klare Blau verschleiern. Die Welt dort draußen liegt hinter gezuckerten Gebilden. Winterzauber, den es nur noch selten gibt. Eisblumen, jene wunderschönen Kristalle, die jeder wohligen Wärme weichen. Sie fürchten das Sonnenlicht, welches sie zum Schmelzen bringt. Im hellen Schein der Mittagssonne verschwinden sie, lösen sich auf, verwandeln sich in Perlen, die in Rinnsalen am Glas entlang laufen. Tropfen für Tropfen fließen, verfließen, erinnern an vergangene Zeiten, in denen der Winter Eisblumen an unsere Fenster zauberte. 

Heute sind die Blumen aus Raureif vom Aussterben bedroht. So züchte ich sie an den zugig, dünnen Fensterscheiben meiner Gartenlauben.

Bild der Jahre

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Jeder Anfang ist

ein feiner Fluss der Farben. Ein Tasten, Staunen, ein leichtes Spiel in unschuldsreinem Weiß. Lichtes Wasser perlt offen. Kaum Konturen, wenig Spuren. Der junge Tag legt Farbnuancen auf. Unermüdlich. Im Bild der Jahre blühen Form und Farben, vom heitren Pastell bis zum kräftigen Ton. Farben der Erfahrungen zeichnen ihre Spuren, lassen den Entwurf sichtbar werden. Schicht für Schicht wächst im Wandel. Monate, Jahre, jahrzehntelang. Ein Wunder der Veränderung. Du bist der Schöpfer deines Opus, deines Lebensbildes. Farbspiel in rot oder blau, laut oder leise, grell oder zart, dunkel oder hell, kalt oder warm. Formen, die scharfe Konturen schaffen, mit Ecken und Kanten oder doch sich im Runden harmonisch fügen. Deine ganz eigene Komposition, Sinfonie in Dur oder Moll. Das Bild ist fertig, die Parabel erzählt. Späte Veränderungen gelingen nur mühevoll. Die Spuren eingegraben, die Farben fest. Die Schatten tief, das Helle beständig. Dein Blick, dein Herz, die Seele erschufen dein Kunstwerk. Dein Spiegelbild? Im letzten Licht des Lebensabends legst du kraftlos das restliche Bunt auf. Zart wie der Beginn das Ende. Der Kreis schließt sich in der Vollendung deines Meisterstücks.

Lass das Tuschemeer fließen, ja, fluten. Lass die Farben branden! Am Ende der Zeit offenbart sich dein Sein in einer Kalligrafie der Tusche. Einer Explosion facettenreicher Farben.

Ein Bild des Grauens ist das Gemälde in grau. Gemalt in einem trüben Ton. Verpasst der Schwung der farbenfrohen Skizzen, verfehlt der Rausch des Regenbogens. Selbst die Vollendung birgt Gefahr. Das Ende, welches Veränderung vermeidet, gebiert den Exitus. In den Rahmen gepresst und sorgsam konserviert, geht dem Kunstwerk der Atem aus, bis es vom Staub bedeckt starr erstickt. Dasein wird zum todernsten Abschied im Leben, vom Leben.

Lebendigkeit lässt sich nicht festhalten. Ebenso wie die Liebe, die Wellen, die Wolken, der Wind. Festhalten, einmauern, umzäunen ist nahender Tod, ist

der Anfang vom Ende.

Geh’n wir

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Geh’n wir! Der Weg ist lang. Versäum uns nicht!

Dante, Inferno, Canto IV

Leben vergeht

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Vom Wellenschlag
vergleitenden Lebens gewiegt,
schaue ich
ins große Dunkel der Tage,
mit denen Jahr um Jahr entfliegt.

 

Zwei Herbste

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Für dich, der fortgeht,
und für mich, die zurückbleibt,
sind es zwei Herbste.

Buson ( 1715-1783)

Gefährten durch alle Gezeiten. Einst. Sommerverbunden.

Heute angekommen in gemeinsamer Wintereinsamkeit. Jenen blaudunstigen Novembertagen, die leise entfliehen.

Die Bank, auf der du wartest, verwittert in vielen Herbsten. Brüchig. Steht sie auf einer Lichtung, dort unter dem goetheanischen Ginkgobaum.

Habe ich mich verlaufen im Dickicht der Jahre? Verirrt im Labyrinth leerer Versprechungen?

Das letzte herbstverlorene Blatt löst sich vom kahlen Holz des Baumes. Fällt. Wir fallen, finden uns? Einer im anderen. Immer schon.

Einsamkeit ist wie ein Regen …

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Einsamkeit

Einsamkeit ist wie ein Regen.
Sie steigt vom Meer den Abenden entgegen;
von Ebenen, die fern sind und entlegen,
geht sie zum Himmel, der sie immer hat.
Und erst vom Himmel fällt sie auf die Stadt.

Regnet hernieder in den Zwitterstunden,
wenn sich nach Morgen wenden alle Gassen
und wenn die Leiber, welche nichts gefunden,
enttäuscht und traurig von einander lassen;
und wenn die Menschen, die einander hassen,
in einem Bett zusammen schlafen müssen:

dann geht die Einsamkeit mit den Flüssen…

R.M. Rilke

Zwei

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Zwei auf einem Weg. Dem gemeinsamen Ziel entgegen. Zukunftswärts. Hand in Hand den Sommer zu durchqueren. Ihre Blicke stets nach vorn. Und dann doch ein Augenblick, einen Lidschlag zu lang … wurde es einer jener kostbaren Momente, die insgeheim ein ganzes Leben lang Gültigkeit behalten. Es gab nichts Trennendes mehr.

 

 

 

Fenster zum Hof

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Foto: Uta Lösken

Fenster zum Hof. Schwere Gardinen verhindern den Durchblick in die Hitze des Mittags. Verwehren den Ausblick in die flirrenden Farben des Sommers.

Erst am Abend, wenn die Dämmerung vor neugierigen Blicken schützt und die Luft abkühlt, sind die Flügel der Fenster weit geöffnet. Die Vorhänge zurückgezogen. Die roten und blauen Läden laden ein, hinaus – und hineinzuschauen. Gedämpftes Gemurmel, Sprachfetzen dringen aus den Kammern in den Hof. Streit, Versöhnung, Begegnung. Das Klappern des Geschirrs verfängt sich, Duft von gebackenem Brot verströmt sich im Innenhof. Gläser klirren, Menschen lachen laut auf. Die Geräusche werden zwischen den Mauern hin und her geworfen. Gleich den Mauerseglern, die um die Hausecken stürzen.  Sie gleiten hinauf und hinab. Ihr schriller Schrei gehört zum Sommer in der Stadt wie das Eisessen und seidige Spagettiträger auf brauner Haut. Pfeilschnell rasen sie durch die Häuserschluchten. Um Mitternacht ertönen zarte Melodien eines Klaviers ins fliehende Blau  der Nacht. Piano, forte, fortissimo. Hier und da huscht ein heller Schein über die Zimmerdecke vom Flackern der Kerzen. Jene Windlichter, die im Hof auf den Tischen stehen.

Stimmen dringen wie von weit her zu uns hinauf. In der Nacht haben Worte einen besonderen Klang, leise, gedämpft, zärtlich. Voller Ahnungen, voller Versprechungen. Die Luft vibriert. Erzählt Geschichten. Dort drüben Gesang, vis a vis ein wimmerndes Weinen. Leben mit all seinen Höhen und Tiefen. Melancholie und Jubel, Tief-und Leichtsinn. Fenster an Fenster, Raum an Raum zu ein und derselben Zeit.

 

Sommer

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Es sind die Sommer der Kindheit, deren Duft die Erinnerung durchweht.  Diese blauen Tage, nicht enden wollend, groß und weit wie ein riesiger Türkis. Tief und bedeutend wie ein Lapislazuli. Die Häuser schrumpften in der Hitze zusammen. Standen geduckt wie Schatten. Während sich das Außen unter der Glut der Sonne zu einem schier unendlichen Raum weitete. Sonnenselige Tage inmitten der Getreidefelder, der gemähten Wiesen, auf denen  Heuballen verstreut lagen. Von den fernen Feldern das heimelige Dröhnen der Treckermotoren. Vertraut. Über allem lag eine wohlige Trägheit. Und am Abend der nächtliche Gesang der Grillen. Das Zirpen der Zikaden.  Glühwurmsommernächte, in denen wir den Atem anhielten, andächtig. Um das Wunderbare, den Zauber der Natur durch jede Pore in uns hineinfließen zu lassen. 

Sommer, das ist Schweigen angesichts des übervollen Lichts und der satten Klarheit der Farben. Betörend wie die Mohnfelder, die das Rot hinausposaunen und das Herz jubeln lassen.  Rote Flut, die berührt bis es schmerzt. Betend, dass sie nie enden möge, diese Fülle. Unvergessene Sommermomente, deren Erinnerung im Winter wärmt. Mohnfelder, die den Schnee schmelzen lassen. 

Roter Juni

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Der Juni ist ein heitres Kinderrot
im Monat Juni blüht der Mohn
Erdbeerglüh’n und Himbeerduft
das ist des düstren Winters Lohn

Der Juni ist nicht weiß und rein
er brennt und glüht
wie ein Vulkan
vor dessen Ausbruch niemand fliehen kann

Der Juni weist den Neubeginn
verruchter heißer Sommerzeit
wo Tag und Nacht im Brande steh’n
benommen und beschwingt
oh Herr,
lass diese Flut niemals vorübergeh’n!