TotenSonntag

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Wenn selbst Sterne schweigen

Die schmale Birke ragt hoch hinaus, scheu dem Himmel entgegen. Einst dicht am Gemäuer des Hauses gepflanzt, streckte sie schnell ihre Triebe empor, himmelwärts. An diesem Abend scheint es, als berührten ihre Zweige die Sterne. Kahles Geäst, von dem sich das letzte Blatt löst. Fällt. Leise. Andächtig stehe ich, wage kaum zu atmen, selbst die Sterne schweigen. Senden dünnes Licht. Ein Mensch fehlt. Mit ihm verschwand das Funkeln. Erinnerungen flüstern von Sommerzeiten, tanzen im Gezweig. Kalt schneidet der Nordwind. Die Rufe der Kraniche sind verstummt. Sehnsucht im Gefieder, zogen sie der Sonne entgegen. Der Garten hinter dem Haus liegt dunkel und welk. Durch die verlassenen Bänke wächst Gestrüpp. Das Abendlied der Amsel ist längst verhallt. Sommers, wenn sie Sonne getrunken, ist ihre Melodie ein Aufruf. Ein Ruf, in warmen Nächten zu wachen. Jede Stunde der kostbaren Zeit. Heute, in diesen novembrischen Abendstunden mahnt das Lied der Amsel der Toten zu gedenken. Tönt von Trauer. Erinnerungen an vergangene Zeiten färben den Himmel honigrot und blaubeerblau. Für einen Wimpernschlag.

 

LebensHerbst

 

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Herbst

Für dich, der fortging,
und für mich, die zurückblieb,
sind es zwei Herbste.

Buson

Erst heute begreife ich, was Du warst, wer du gewesen bist. Es tut exakt so weh, wie der Verlust es verdient. Und der Schmerz zeigt, dass man erinnert, dass man nicht vergessen kann. Schmerz als Verstärker der Erinnerung. Wir steigen in Träume hinab, wir steigen in die Erinnerung hinab, nur können wir sie nicht mehr gemeinsam bestätigen, die Erinnerung wird durch das singuläre Zurückbleiben verdünnt.

Der Leise ist an einem stillen Sommerabend gegangen und hat das Laute zurückgelassen. Erst heute ahne ich, wie viel Kraft es gekostet haben muss, Haltung zu wahren, zu bewahren, Stil, Respekt. All das verschwand mit Dir und es bleibt nichts. Leere. Chaos. Kälte. Eine Flut blinder Aggression, Neid, Hass, die in Zerstörung mündet.

Doch ich werde Dir zeigen, dass es jemanden gibt, der noch stärker ist, als Du. Jemand, der den menschlichen Entgleisungen trotzt.

Ich warte auf Dich, dort, wo wir das letzte Mal zusammen gesessen haben. Die Bank wird dann verwittert  sein, von den Stürmen vieler Herbste. Aber sie steht auf dieser Lichtung, dort unter dem Apfelbaum.

Das letzte herbstverlorene Blatt wird sich gelöst haben vom kahlen Holz des Baumes. Fällt. Wir fallen, finden uns wieder. Gott sei Dank!

Herbst-Tag-und-Nacht-Gleiche

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22. September. Tag und Nacht halten sich die Waage, dauern gleich lang. Herbst, der große Sonnenuntergang des Jahres beginnt. Vorhang auf für eine Zeit des Übergangs, des Dazwischen-Seins, zwischen Sommer und Winter. Zeit der Ernte, Zeit der nebelverhangenen Tage, die nicht wach werden wollen. Die dahin dämmern. Sich unsichtbar machen unter grauem Tuch, damit der glasklare Winter sie nicht findet. Noch nicht. Die spinnverwebt sich wegschleichen, bis der Frost sie entblößt. Aufdeckt. Ohne Erbarmen.

Dieser Sommer war nicht groß und weit, nicht blau wie ein Lapislazuli. Dieser Sommer war Erinnerung an flirrende Hitze, an Leichtigkeit, an endlos weiße Nächte. Auch das Warten hat nun ein Ende, kühle Morgen künden von Herbst und Winter. Der Zeit, die tief und schwer ist. „Tiefer als der Tag gedacht.“ (Nietzsche).

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben. „

Rilke

Ein blauer Tag

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Ein blauer Tag
Nichts Böses kann dir kommen
an einem blauen Tag.
Ein blauer Tag
die Kriegserklärung.
Die Blumen öffneten ihr Nein,
Die Vögel sangen Nein,
ein König weinte.
Niemand konnte es glauben.
Ein blauer Tag
und doch war Krieg.

Gestorben wird auch an blauen Tagen,
bei jedem Wetter.
Auch an blauen Tagen wirst du verlassen
und verläßt du,
begnadigst nicht
und wirst nicht begnadigt.
Auch an blauen Tagen
wird nichts zurückgenommen.
Niemand kann es glauben:
Auch an blauen Tagen
bricht das Herz

H.Domin

 

Fundstück

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Fundstück

Es sinken alle Worte
dieser Stunden in Schweigen,
das den Blau
der Himmel gleicht.

Nur dieses Wort, das ich am Saum
der Nacht gefunden,
möchte noch reisen,
wissend, dass es dich erreicht:

DANKE

Giannina Wedde

 

Zeit des Abschieds

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Dieser Morgen nach dem großen Abschied. Still und suchend. Selbst über der Sonne liegt ein Schleier, als gebe sie die Realität nicht frei. Der Weg führt durch den Tannenwald bis zu jenem Meer aus bunten Rosen, bis zu jenem Gruß auf dem geschrieben steht „Alles hat seine Zeit“. Die Zeit geboren zu werden und zu sterben. In die Welt hineinzukommen und sie wieder zu verlassen. Freudentaumel und tiefe Trauer. Ein Mensch ist gegangen, leise. Alles erinnert, nichts ist mehr greifbar. Alles hat seine Zeit, auch das Loslassen. Verzeih, deine Hand in meinen Händen, immer noch. Für immer.

Tot ist überhaupt nichts

Ich glitt lediglich über in den nächsten Raum.
Ich bin ich, und ihr seid ihr.
Warum sollte ich aus den Sinn sein,
nur weil ich aus den Blick bin?
Was auch immer wir füreinander waren,
sind wir auch jetzt noch.

Spielt, lächelt, denkt an mich.

Leben bedeutet auch jetzt all das,
was es auch sonst bedeutet hat.
Es hat sich nichts verändert,
ich warte auf euch,
irgendwo
sehr nah bei euch.

Alles ist gut.
Annette von Droste-Hülshoff

SommerSegler

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Sie sind zurück, Segler, die verlässlich den Sommer ankündigen. Kreisen mit schrillem Schrei am Abendhimmel, navigieren durch laue Luft. Leben im Flug, ob schlafend oder liebend. Mit Flügeln gleich Sicheln stoßen sie pfeilschnell durchs Blau. Sommersegler. Den Sommer verkündend. Schrill. Noch in der Dämmerung verfolge ich ihren Flug, begleitet vom Abendlied der Amseln. Amseln, die Sonne getrunken und hoch oben in den Tannen vergnügt ihr Nachtlied singen. Vom nahen Wald weht eine Kühle durch meine Apfelblüten, über die Wiesen. Noch immer leuchten kleine Sonnen im Grün. Erst in der Dunkelheit schließt sich der Löwenzahn. Auch die Bienen fliegen zu später Stunde in dieser Sommernacht. Legen einen Vorrat an, die Sommertracht. Rosen ranken blutrot am Haus empor. Einzig der Ginkgo hält seine Blätter verschlossen. Wagt nicht, sie zu zeigen, fürchtet den noch lauernden Frost, vertraut nicht seinem endgültigen Abschied.

OsterMorgen 2017

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Jeder Ostermorgen beginnt mit diesem heiligen Schweigen. Wenn die Luft noch nach dem Rauch des Osterfeuers riecht und die ersten Sonnenstrahlen durch den Frühnebel dringen. Dann machen wir uns auf den Weg zu dem kleinen Bach, der mitten durch den hohen Tannenwald fließt. Auch unsere Schritte schweigen auf dem weichen, mit Tannennadeln bedeckten Boden. Die Welt liegt leise, nur hier und da ein Vogelruf und das Murmeln des Wassers. Ich beuge mich zu der Quelle, um mein Gesicht mit Osterwasser zu waschen, meine Haut zu benetzen.

Erst danach dürfen wir miteinander reden, uns etwas wünschen. Flüsternd. Frieden. Es ist, als finde der Frühling hier in der Waldeinsamkeit seinen Ursprung, der Frühling ist waldeigen, er kommt nicht in die Stadt.

Vierter Frühling

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Der Winter lässt los, ist verweht. Überall unter freiem Himmel finden Begegnungen statt. Begegnungen mit den Boten des Frühlings. Jener Jahreszeit, die man riechen kann, in der die Morgen licht und leicht beginnen. Ich streife mit den Genen des Großvaters durch den grünenden Garten. Auf der Jagd nach Blüten und Bienen. Nach dem Duft von Honig und diesem allgegenwärtigen leisen Summen in der Luft. Am Himmel eine zarte Bläue, die den Blick magisch anzieht, ja hineinzieht in die Endlosigkeit. Auf der knorrigen Bank, unter welcher Osterglocken ihre blonden Köpfe der Sonne entgegen recken, trinke ich meinen heißen Kaffee an diesem kühlen Morgen. Meine Blicke berühren die noch winterkahlen Ginkgos, deren Blätter sich so spät entfalten. Schwerfällig bisweilen. Und ganz anders als jene der Zierapfelbäume, die im frühen Frühling ihr Grün hinauswerfen, als könnten sie es kaum erwarten, die Sonne zu sehen. Jeden Morgen verbringe ich unter freiem Himmel, staunend vor diesem Wunder, dass alles sich öffnet, keimt und knospt. Tag für Tag wächst auch das Licht und das Grün geht über in ein heiliges Blau, welches Tag und Nacht nicht vergehen wird. Untrügliches Zeichen für das Ankommen in einem satten Sommer.

Vom Glück des Augenblicks

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Ein neuer Morgen wird angespült. Liegt scheu am Strand, gestrandet im Nebel. Hüllt den Himmel in graues Gewöll,  in welchem jedes Warten auf Licht erstickt. Hüllt auch das Wasser in schaumig-schmutziges Grün,  das Jeden Hunger nach Lebendigkeit, nach sprühendem Leben dämpft.

Bis zu jenem wundersamen Moment, in dem die Wolken jäh aufreißen, zartes Blau sich zeigt. Ein Fenster zum Himmel,  aus dem sich kühn das Licht ergießt. Hinaus flutet, als habe es lange hinter dem Wolkengebräu gewartet. Mit einem Mal erstrahlt die Welt und mir ist,  als bliebe die Zeit stehen.  Insel und Meer liegen durchsonnt, holen Atem.  Begrüßen eine neue JahresZeit, Frühling, jene der überbordenden Freude, weil alles noch einmal beginnt. Weil alles erwacht, aufweht zum Sturm, mitnimmt … himmelwärts. Als sei das Glück in seiner harmlosen Unendlichkeit allgegenwärtig. Mit der vollen Wucht des Wirbelsturms. Mit einem Licht, das Versprechen aussendet . Mit einem durch den langen Winter fast vergessenen Jubel, der hoffnungsfroh gegen den Brustkorb dröhnt.

Ist das Wahrheit? Ist das Leben? Der Sinn des Seins?

Es ist einer jener Augenblicke, die insgeheim ein ganzes Leben lang Gültigkeit behalten. Es ist einer jener Augenblicke, die zu einem Meer aus Glück werden und durchs Leben tragen.