Rezept gegen die Angst

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Rezept

Jage die Ängste fort
Und die Angst vor den Ängsten.
Für die paar Jahre
Wird wohl alles noch reichen.
Das Brot im Kasten
Und der Anzug im Schrank.

Sage nicht mein.
Es ist dir alles geliehen.
Lebe auf Zeit und sieh,
Wie wenig du brauchst.
Richte dich ein.
Und halte den Koffer bereit.

Es ist wahr, was sie sagen:
Was kommen muß, kommt.
Geh dem Leid nicht entgegen.
Und ist es da,
Sieh ihm still ins Gesicht.
Es ist vergänglich wie Glück.

Erwarte nichts.
Und hüte besorgt dein Geheimnis.
Auch der Bruder verrät,
Geht es um dich oder ihn.
Den eignen Schatten nimm
Zum Weggefährten.

Feg deine Stube wohl.
Und tausche den Gruß mit dem Nachbarn.
Flicke heiter den Zaun
Und auch die Glocke am Tor.
Die Wunde in dir halte wach
Unter dem Dach im Einstweilen.

Zerreiß deine Pläne. Sei klug
Und halte dich an Wunder.
Sie sind lang schon verzeichnet
Im grossen Plan.
Jage die Ängste fort
Und die Angst vor den Ängsten.

Mascha Kaleko

(aus: Die paar leuchtenden Jahre)

 

Art & Roses

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Die Hauspatronin

Art & Roses

Eine Verbindung von Kunst und Natur.

 

Torso

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Skulptur von Ute Hölscher

 

WinterSonnWende

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Wunderwarme Frühlingsnacht. Zeichen des Wandels. Die Dunkelheit weicht, endlich gehen wir dem Licht entgegen. 

Mit der Dunkelheit geht auch das Jahr. Einem Jahr, das durch die Zeit galoppierte. Fahrt auf einem Karussell, das sich zu schnell drehte, nie innehielt. Rasante Zeiten voll plötzlicher Veränderungen. Wieder und wieder. 

Sehnsucht nach Stille blüht in der milden WinterSonnenWendNacht. Die Mondsichel kündet von Wundern. Von einer wundervollen Wende. 

Die Sonne steht still. Laue Luft breitet ihre Flügel aus. Die Raunächte beginnen, geheimnisvoll, lautlos und von einer stillen Dauer wie keine andere Zeit.

Zeit für eine Rückschau. Zeit für den Blick hinüber auf das Neue Jahr. Zeit der Besinnung. Zwischenzeit. Brücke zwischen den Jahren, zwischen Vergangenheit und Zukunft. Brücke zwischen Diesseits und Jenseits. Abschied und Freude auf den Neubeginn.

 

Abschied vom Jahr

Das Jahr verebbt 

in sanftem letzten Wellengang 

die Zeit ist abgelebt 

verstummt des Sturmes brausender Gesang

Blausegler gehen müd’ an Land 

der Käpt’n geht von Bord 

geborsten liegt das Jahr im Sand 

der Glanz der Morgenstunde ist hinfort

Wenden, halsen, alles wagen 

Anker werfen, Anker zieh’n 

Pfeilgenau in allen Lebenslagen 

das Meer bezwingen und versteh’n

Nimm Abschied Jahr 

Gefährte durch Gezeiten 

die Nacht ist sternenklar 

lebe wohl 

mein Herz wird dich begleiten!

Aufbruch in die Freiheit

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aufbruch

lass dich nicht fesseln
von deinen wurzeln
sie reichen zurück
in die zeit
die dich nicht mehr
nähren kann

nimm wenig mit
außer dir –
gedanken zu tragen
die du nicht brauchst
wiegt zu schwer

lerne für dich
eine neue sprache:
wo freiheit ist
schmeckt das brot süß

Marlies Blauth

glück

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glück

tritt ein

glück

bleib

du sollst

mein

zuhause sein

bis du

weiter wanderst

hinaus in die nacht

erinner ich deinen glanz

und erwarte

deine rückkehr

glück um glück

 

Die Rosen waren nie so rot …

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Die roten Rosen waren nie so rot
Als an dem Abend, der umregnet war.
Ich dachte lange an dein sanftes Haar …
Die roten Rosen waren nie so rot.

Es dunkelten die Büsche nie so grün
Als an dem Abend in der Regenzeit.
Ich dachte lange an dein weiches Kleid …
Es dunkelten die Büsche nie so grün.

Die Birkenstämme standen nie so weiß
Als an dem Abend, der mit Regen sank;
Und deine Hände sah ich schön und schlank …
Die Birkenstämme standen nie so weiß.

Die Wasser spiegelten ein schwarzes Land
An jenem Abend, den ich regnen fand;
So hab ich mich in deinem Aug erkannt …
Die Wasser spiegelten ein schwarzes Land.

Rainer Maria Rilke

 

Mein Meer

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Seit ich lebendig sein will

träum ich mich ins Meer.

Andächtig und wild

möcht ich mich vermeeren

möchte die Wellen und dunklen

Herzschläge hören

im Klang der Ozeane.

Es meert in mir.

Es meert in mir ganz wild.

Hannelore Elsner

 

Seit ich lebendig bin träum auch ich mich ins Meer. Wandere  unermüdlich dem Meer entgegen. Meerwasser in meinen Adern, statt Blut. Halt mir die Ohren zu, ich kann dich dennoch hören. Halt mir die Augen zu ich kann dich trotzdem sehen. Selbst ohne Beine kann ich zu dir gehen, steh staunend am Spülsaum und lausche deinen Wellen. Vernehme deine klagenden Klänge und triumphierenden Gesänge. Wild wellendes Meer, mal gefräßige Flut, mal nachtstille See. Du, mit deinem sich wandelnden Gesicht, deinem ewigen Raunen, deiner einzigartigen Magie. Du Meer,  bist größer, als alle Kathedralen. Du Meer, an dich möchte ich mich verschwenden! 

Meine Seele hat’s eilig

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Meine Seele hat’s eilig

Ich habe meine Jahre gezählt und festgestellt, dass ich weniger Zeit habe, zu leben, als ich bisher gelebt habe.

Ich fühle mich wie dieses Kind, das eine Schachtel Bonbons gewonnen hat: die ersten essen sie mit Vergnügen, aber als es merkt, dass nur noch wenige übrig waren, begann es, sie wirklich zu genießen.

Ich habe keine Zeit für endlose Konferenzen, bei denen die Statuten, Regeln, Verfahren und internen Vorschriften besprochen werden, in dem Wissen, dass nichts erreicht wird.

Ich habe keine Zeit mehr, absurde Menschen zu ertragen , die ungeachtet ihres Alters nicht gewachsen sind.

Ich habe keine Zeit mehr, mit Mittelmäßigkeiten zu kämpfen. Ich will nicht in Besprechungen sein, in denen aufgeblasene Egos aufmarschieren.

Ich vertrage keine Manipulierer und Opportunisten. Mich stören die Neider, die versuchen, Fähigere in Verruf zu bringen, um sich ihrer Positionen, Talente und Erfolge zu bemächtigen.

Meine Zeit ist zu kurz um Überschriften zu diskutieren. Ich will das Wesentliche, denn meine Seele ist in Eile. Ohne viele Süssigkeiten in der Packung.

Ich möchte mit Menschen leben, die sehr menschlich sind. Menschen, die über ihre Fehler lachen können, die sich nichts auf ihre Erfolge einbilden. Die sich nicht vorzeitig berufen fühlen und die nicht vor ihrer Verantwortung fliehen. Die die menschliche Würde verteidigen und die nur an der Seite der Wahrheit und Rechtschaffenheit gehen möchten. Es ist das, was das Leben lebenswert macht.

Ich möchte mich mit Menschen umgeben, die es verstehen, die Herzen anderer zu berühren. Menschen, die durch die harten Schläge des Lebens lernten, durch sanfte Berührungen der Seele zu wachsen.

Ja, ich habe es eilig, ich habe es eilig, mit der Intensität zu leben, die nur die Reife geben kann.

Ich versuche, keine der Süßigkeiten, die mir noch bleiben, zu verschwenden. Ich bin mir sicher, dass sie köstlicher sein werden, als die, die ich bereits gegessen habe.

Mein Ziel ist es, das Ende zufrieden zu erreichen, in Frieden mit mir, meinen Lieben und meinem Gewissen.

Wir haben zwei Leben und das zweite beginnt, wenn du erkennst, dass du nur eines hast.

(Verboten, es zu behalten)

Gedicht von Mario de Andrade (San Paolo 1893-1945)