SommerSegler

141209-nabu-mauerseglerschwarm-keta

Sie sind zurück, Segler, die verlässlich den Sommer ankündigen. Kreisen mit schrillem Schrei am Abendhimmel, navigieren durch laue Luft. Leben im Flug, ob schlafend oder liebend. Mit Flügeln gleich Sicheln stoßen sie pfeilschnell durchs Blau. Sommersegler. Den Sommer verkündend. Schrill. Noch in der Dämmerung verfolge ich ihren Flug, begleitet vom Abendlied der Amseln. Amseln, die Sonne getrunken und hoch oben in den Tannen vergnügt ihr Nachtlied singen. Vom nahen Wald weht eine Kühle durch meine Apfelblüten, über die Wiesen. Noch immer leuchten kleine Sonnen im Grün. Erst in der Dunkelheit schließt sich der Löwenzahn. Auch die Bienen fliegen zu später Stunde in dieser Sommernacht. Legen einen Vorrat an, die Sommertracht. Rosen ranken blutrot am Haus empor. Einzig der Ginkgo hält seine Blätter verschlossen. Wagt nicht, sie zu zeigen, fürchtet den noch lauernden Frost, vertraut nicht seinem endgültigen Abschied.

OsterMorgen 2017

IMG_9349

Jeder Ostermorgen beginnt mit diesem heiligen Schweigen. Wenn die Luft noch nach dem Rauch des Osterfeuers riecht und die ersten Sonnenstrahlen durch den Frühnebel dringen. Dann machen wir uns auf den Weg zu dem kleinen Bach, der mitten durch den hohen Tannenwald fließt. Auch unsere Schritte schweigen auf dem weichen, mit Tannennadeln bedeckten Boden. Die Welt liegt leise, nur hier und da ein Vogelruf und das Murmeln des Wassers. Ich beuge mich zu der Quelle, um mein Gesicht mit Osterwasser zu waschen, meine Haut zu benetzen.

Erst danach dürfen wir miteinander reden, uns etwas wünschen. Flüsternd. Frieden. Es ist, als finde der Frühling hier in der Waldeinsamkeit seinen Ursprung, der Frühling ist waldeigen, er kommt nicht in die Stadt.

Vierter Frühling

IMG_8863

Der Winter lässt los, ist verweht. Überall unter freiem Himmel finden Begegnungen statt. Begegnungen mit den Boten des Frühlings. Jener Jahreszeit, die man riechen kann, in der die Morgen licht und leicht beginnen. Ich streife mit den Genen des Großvaters durch den grünenden Garten. Auf der Jagd nach Blüten und Bienen. Nach dem Duft von Honig und diesem allgegenwärtigen leisen Summen in der Luft. Am Himmel eine zarte Bläue, die den Blick magisch anzieht, ja hineinzieht in die Endlosigkeit. Auf der knorrigen Bank, unter welcher Osterglocken ihre blonden Köpfe der Sonne entgegen recken, trinke ich meinen heißen Kaffee an diesem kühlen Morgen. Meine Blicke berühren die noch winterkahlen Ginkgos, deren Blätter sich so spät entfalten. Schwerfällig bisweilen. Und ganz anders als jene der Zierapfelbäume, die im frühen Frühling ihr Grün hinauswerfen, als könnten sie es kaum erwarten, die Sonne zu sehen. Jeden Morgen verbringe ich unter freiem Himmel, staunend vor diesem Wunder, dass alles sich öffnet, keimt und knospt. Tag für Tag wächst auch das Licht und das Grün geht über in ein heiliges Blau, welches Tag und Nacht nicht vergehen wird. Untrügliches Zeichen für das Ankommen in einem satten Sommer.

Vom Glück des Augenblicks

fullsizeoutput_25e8

Ein neuer Morgen wird angespült. Liegt scheu am Strand, gestrandet im Nebel. Hüllt den Himmel in graues Gewöll,  in welchem jedes Warten auf Licht erstickt. Hüllt auch das Wasser in schaumig-schmutziges Grün,  das Jeden Hunger nach Lebendigkeit, nach sprühendem Leben dämpft.

Bis zu jenem wundersamen Moment, in dem die Wolken jäh aufreißen, zartes Blau sich zeigt. Ein Fenster zum Himmel,  aus dem sich kühn das Licht ergießt. Hinaus flutet, als habe es lange hinter dem Wolkengebräu gewartet. Mit einem Mal erstrahlt die Welt und mir ist,  als bliebe die Zeit stehen.  Insel und Meer liegen durchsonnt, holen Atem.  Begrüßen eine neue JahresZeit, Frühling, jene der überbordenden Freude, weil alles noch einmal beginnt. Weil alles erwacht, aufweht zum Sturm, mitnimmt … himmelwärts. Als sei das Glück in seiner harmlosen Unendlichkeit allgegenwärtig. Mit der vollen Wucht des Wirbelsturms. Mit einem Licht, das Versprechen aussendet . Mit einem durch den langen Winter fast vergessenen Jubel, der hoffnungsfroh gegen den Brustkorb dröhnt.

Ist das Wahrheit? Ist das Leben? Der Sinn des Seins?

Es ist einer jener Augenblicke, die insgeheim ein ganzes Leben lang Gültigkeit behalten. Es ist einer jener Augenblicke, die zu einem Meer aus Glück werden und durchs Leben tragen.

Eisblumen

IMG_7230

Eisblumen blühen in der Nacht. Formen gleich feinen Federn, die der Frost auf die Fenster zaubert. Bizarre Figuren, wie geeiste Spitze. Zart, dahingehaucht. Feinblättrige Farne, die emporwachsen und den Blick in das klare Blau verschleiern. Die Welt dort draußen liegt hinter gezuckerten Gebilden. Winterzauber, den es nur noch selten gibt. Eisblumen, jene wunderschönen Kristalle, die jeder wohligen Wärme weichen. Sie fürchten das Sonnenlicht, welches sie zum Schmelzen bringt. Im hellen Schein der Mittagssonne verschwinden sie, lösen sich auf, verwandeln sich in Perlen, die in Rinnsalen am Glas entlang laufen. Tropfen für Tropfen fließen, verfließen, erinnern an vergangene Zeiten, in denen der Winter Eisblumen an unsere Fenster zauberte. 

Heute sind die Blumen aus Raureif vom Aussterben bedroht. So züchte ich sie an den zugig, dünnen Fensterscheiben meiner Gartenlauben.

Bild der Jahre

fullsizeoutput_3406

Jeder Anfang ist

ein feiner Fluss der Farben. Ein Tasten, Staunen, ein leichtes Spiel in unschuldsreinem Weiß. Lichtes Wasser perlt offen. Kaum Konturen, wenig Spuren. Der junge Tag legt Farbnuancen auf. Unermüdlich. Im Bild der Jahre blühen Form und Farben, vom heitren Pastell bis zum kräftigen Ton. Farben der Erfahrungen zeichnen ihre Spuren, lassen den Entwurf sichtbar werden. Schicht für Schicht wächst im Wandel. Monate, Jahre, jahrzehntelang. Ein Wunder der Veränderung. Du bist der Schöpfer deines Opus, deines Lebensbildes. Farbspiel in rot oder blau, laut oder leise, grell oder zart, dunkel oder hell, kalt oder warm. Formen, die scharfe Konturen schaffen, mit Ecken und Kanten oder doch sich im Runden harmonisch fügen. Deine ganz eigene Komposition, Sinfonie in Dur oder Moll. Das Bild ist fertig, die Parabel erzählt. Späte Veränderungen gelingen nur mühevoll. Die Spuren eingegraben, die Farben fest. Die Schatten tief, das Helle beständig. Dein Blick, dein Herz, die Seele erschufen dein Kunstwerk. Dein Spiegelbild? Im letzten Licht des Lebensabends legst du kraftlos das restliche Bunt auf. Zart wie der Beginn das Ende. Der Kreis schließt sich in der Vollendung deines Meisterstücks.

Lass das Tuschemeer fließen, ja, fluten. Lass die Farben branden! Am Ende der Zeit offenbart sich dein Sein in einer Kalligrafie der Tusche. Einer Explosion facettenreicher Farben.

Ein Bild des Grauens ist das Gemälde in grau. Gemalt in einem trüben Ton. Verpasst der Schwung der farbenfrohen Skizzen, verfehlt der Rausch des Regenbogens. Selbst die Vollendung birgt Gefahr. Das Ende, welches Veränderung vermeidet, gebiert den Exitus. In den Rahmen gepresst und sorgsam konserviert, geht dem Kunstwerk der Atem aus, bis es vom Staub bedeckt starr erstickt. Dasein wird zum todernsten Abschied im Leben, vom Leben.

Lebendigkeit lässt sich nicht festhalten. Ebenso wie die Liebe, die Wellen, die Wolken, der Wind. Festhalten, einmauern, umzäunen ist nahender Tod, ist

der Anfang vom Ende.

Geh’n wir

fullsizeoutput_24d7

Geh’n wir! Der Weg ist lang. Versäum uns nicht!

Dante, Inferno, Canto IV

Leben vergeht

IMG_0147

Vom Wellenschlag
vergleitenden Lebens gewiegt,
schaue ich
ins große Dunkel der Tage,
mit denen Jahr um Jahr entfliegt.

 

Zwei Herbste

fullsizeoutput_1e57

Für dich, der fortgeht,
und für mich, die zurückbleibt,
sind es zwei Herbste.

Buson ( 1715-1783)

Gefährten durch alle Gezeiten. Einst. Sommerverbunden.

Heute angekommen in gemeinsamer Wintereinsamkeit. Jenen blaudunstigen Novembertagen, die leise entfliehen.

Die Bank, auf der du wartest, verwittert in vielen Herbsten. Brüchig. Steht sie auf einer Lichtung, dort unter dem Maulbeerbaum.

Habe ich mich verlaufen im Dickicht der Jahre? Verirrt im Labyrinth leerer Versprechungen?

Das letzte herbstverlorene Blatt löst sich vom kahlen Holz des Baumes. Fällt. Wir fallen, finden uns? Einer im anderen. Immer schon.

Einsamkeit ist wie ein Regen …

fullsizeoutput_32a6

Einsamkeit

Einsamkeit ist wie ein Regen.
Sie steigt vom Meer den Abenden entgegen;
von Ebenen, die fern sind und entlegen,
geht sie zum Himmel, der sie immer hat.
Und erst vom Himmel fällt sie auf die Stadt.

Regnet hernieder in den Zwitterstunden,
wenn sich nach Morgen wenden alle Gassen
und wenn die Leiber, welche nichts gefunden,
enttäuscht und traurig von einander lassen;
und wenn die Menschen, die einander hassen,
in einem Bett zusammen schlafen müssen:

dann geht die Einsamkeit mit den Flüssen…

R.M. Rilke