Der letzte Schnee

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Arno Camenisch beschreibt in seinem Roman „Der letzte Schnee“ ein langes Warten. Das Warten in den Bündner Bergen auf Schnee. Tag um Tag. Vergebens. Am Ende verschwindet das Tal im Nebel, das Dorf unter einem Schleier, selbst die Sprache schmilzt. Und … die Zeit bleibt stehen. Das Lied der Kindheit, welches das Knirschen des Schnees unter den Schuhen war, bleibt Erinnerung.

Das Lied der Kindheit … bleibt es nicht immer ein wehmütiges Suchen? Bleibt es nicht ein Warten? Ein Erwarten, dass diese Zeit noch einmal auflebt, das Damals zum Heute wird? Die Melodie wieder hörbar wird, wenigstens für eine kleine Weile?

Der letzte Schnee ist geschmolzen. Das Lied er Kindheit verklungen. 

Stille.

Eine Stille aus der heute Neues entsteht. Ton um Ton. Dreiklang. Drei Töne bilden die Komposition des Jetzt. Reduktion auf das Wesentliche. Klar. Alles Unwesentliche fällt ab. Vollkommenheit gelingt in der Klarheit. 

ZeitReise

 

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Bild: Paula Modersohn-Becker, Liegende Mutter mit Kind II

 

Aus meiner tiefsten Seele zieht 

Mit Nasenflügelbeben 

Ein ungeheurer Appetit 

Nach Frühstück und nach Leben.

J.Ringelnatz

Nach jenem Ort eines früheren Lebens, wo die Zeiten unsagbar glücklich gewesen. Zeiten, von einem unwiederbringlichen Duft. Und Zeiten, die duften, vergisst man nie. So unsagbar reich und überschwänglich, dass selbst die Erinnerung noch schwindelig macht. Aufbruch in das Tal am Fluss. Erstes Innehalten an einem Ort der Stille. Einer der Kathedralen, in denen das Tempo des Lebens für eine Weile angehalten wird.  Auszeit mitten im Großstadttrubel. Auch heute ein Ort des Atemholens, um die Sinne zu schärfen für den Weg in eine besondere Wahrnehmung. Wahrnehmung des Gestern. Erinnern der Momente, die das Leben bereicherten, immer wieder, immer während.

Und irgendwann andächtig sitzend vor den  wunderbaren Gemälden der Malerin Paula Modersohn-Becker, die sich nach Paris aufmachte, um das Handwerk des Malens zu erlernen. Techniken, Farben, Formen. Mutig, aufrichtig, neugierig. Jene, die malte und lebte nach dem Motto „Niemals halbherzig“. Halbherzige Kunst ist keine Kunst. Malerei ist Leidenschaft, ansonsten wird sie beliebig. Fad. Paula starb mit 31 Jahren kurz nach der Geburt ihres ersten Kindes und ihr letztes Wort war „schade“.

„Schade“ soll nicht das Wort am Ende eines Lebens sein und wird sofort verdrängt im Anblick eines der schönsten Villenviertel der Stadt. Jugendstilvillen, Häuser, die Geschichten erzählen. Auch meine Geschichte. Das Erkerzimmer liegt durchsonnt, der ausladende Balkon erzählt von vielen Festen. Der Park lädt zum Verweilen ein, die Sonne glitzert durch das bunte Laub. Jedes Blatt, das fällt, flüstert von Erinnerung. Auf der alten knorrigen Bank haben wir ein Leben lang gesessen, so kommt es mir heute vor … Ein Leben lang Seite an Seite, nah und doch so fern.

Und dieser Tag schenkt mir das Gedicht Rilkes, das er für Paula schrieb:

Die roten Rosen waren nie so rot
Als an dem Abend, der umregnet war.
Ich dachte lange an dein sanftes Haar …
Die roten Rosen waren nie so rot.

Es dunkelten die Büsche nie so grün

Als an dem Abend in der Regenzeit.

Ich dachte lange an dein weiches Kleid …

Es dunkelten die Büsche nie so grün.

Die Birkenstämme standen nie so weiß

Als an dem Abend, der mit Regen sank;

Und deine Hände sah ich schön und schlank …

Die Birkenstämme standen nie so weiß.

Die Wasser spiegelten ein schwarzes Land

An jenem Abend, den ich regnen fand;

So hab ich mich in deinem Aug erkannt …

Die Wasser spiegelten ein schwarzes Land.

Himmel auf Erden

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Ausblick. Durch hohe alte Fenster auf das verlassene Gemäuer. Still steht es in der Dämmerung. Kein Lichtschein dringt nach außen, kein Laut, kein Leben. Lichthäuschen auf meiner Fensterbank erhellen den Blick hinüber. Eines groß das andere klein. Buchstaben leuchten auf weißem Porzellan:

Himmel auf Erden“

ist heute mein Gefühl von Heimat. Von Frieden.

Hier an diesem Ort, in diesem Raum.

Geschenkte Zeit. Auszeit. Einem wunderbaren ZeitRaum an Stunden, Monaten, einem ganzen Jahr, den ich kaum zu betreten wage, aus Sorge, er könne vergehen. 

Herr, der Sommer war groß, lege eine Weile die Uhren still,  damit ich sie genießen kann, die leisen Töne, leisen Freundschaften, leisen Menschen.

Herbstzeit, wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr. Doch wohl dem, der ein Zuhause hat, das den Stürmen trotzt. Blätter fallen, fallen wie von weit. Als wären in den Himmeln ferne Gärten. Vor meinem Fenster wirbeln die Letzten zu Boden. Bereiten einen bunten Teppich, Blatt für Blatt ein …

Himmel auf Erden. 

Ankommen

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Dieser Abend, wenn du weißt, dass dein Weg der Richtige war. Dein Zur Seite Treten, Abbiegen, einen anderen Kurs ansteuern. Die Spur wechseln, auf die du zurückkehren wirst. In Zukunft, wenn die Zeit reif. Heute hältst du die Zeit an, nimmst eine Auszeit auf einer Insel. Ruheinsel. Atem holen, während das Meer um dich herum brandet, sich überschlägt, Menschen mitreißt und untergehen lässt. Blind werden lässt im Sog, der Gut und Böse vermengt, nicht mehr trennt. Im Kampf gegen die Brandung haben sie ihre Haltung verloren, mehr noch, ihren Halt. 

Ankommen auf der Insel verspricht Rettung. Wer festen Boden unter seinen Füßen hat, kann gehen. Mehr noch: Auf-Recht gehen. Aufrichtig sein. Und manchmal ist das Verweilen auf einer Insel genau das, was den Blick weitet für den späteren unwegsamen Weg an Land.

Wenn der Sturm sich gelegt und die Stimmen verstummt, setz’ die Segel neu. Den Kompass vor Augen, das Ziel im Visier.

Vielleicht morgen schon?

Dazwischen sein

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Dazwischen sein …

zwischen der vertrauten Heimat seit Kindertagen und der Wahlheimat. Wahlheimat  wenigstens für eine Weile. Dicht nebeneinander, Jahrzehnte alte Gemäuer, immer schon.

Ich schaue hinüber. Still steht es da, mein Zuhause, schweigt, verwaist. Das Leben ausgezogen. Die Menschen gegangen. Nur in den Mauern noch Stimmen gefangen. Eingesperrt hinter zugezogenen Gardinen und verriegelten Türen. Worte irren zwischen den Wänden. Worte wie Schwerter. Kälte kriecht mir beim Anblick den Rücken hinauf, dringt bis in die Knochen.

Der Herbstwind rüttelt an den Ziegeln. Erzählt von vergangenen Zeiten, als die Fenster erleuchtet und die Feste gefeiert. Kindheitserinnerungen, von denen ich zehre, wartend auf Wiederkehr.

So wie mein kleines Haus mit den grünen Fensterläden und dem verwunschenen Garten geduldig ausharrt. Im hohen Gras flügelt der letzte Schmetterling. 

Zeiten wandeln sich. Irgendwann werde ich hinüberblicken und plötzlich werden die Fenster geöffnet sein, lichte hohe Räume. Und ein  Wunsch wird in Erfüllung gehen:

Mein Klavier wird vergessene Melodien hinaustragen.  Bis in den nahen Tannenwald.  Und unbeirrbar Frieden verkünden!

Deine und meine Zeit

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Über deiner und meiner Zeit

nahm der Himmel verschiedene Färbungen an

nahm der Wind eine andere Richtung

verlor sich der Duft.

 

Aber in deiner und meiner Zeit

dauert noch immer unser Finden

dieses Geheimnis

das nur du und ich kennen.

 

Zwischen deiner und meiner Zeit

zündet der Himmel 

ein Sternenmeer 

in dem nur du und ich einander begegnen.

MittSommerNacht

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Sieben verschiedene  Sorten von Blumen pflücke ich auf dem Feld. Solange, bis sich ein riesiger bunter Bogen über den Himmel zieht. Regenbogen ohne Regen. Die Wolken rosa, wie im Märchen. Dahinter der Kirchturm, in der Mulde das schläfrige Dorf.

Sieben Sorten von Blumen sollen mir Glück bringen. Sieben Jahre Freiheit. Sieben wunderbare Jahre.  

Weiße wunderbare Nacht, in der das Licht von Hoffnung kündet. 

LebensKunst

 

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Man soll alle Tage wenigstens ein kleines Lied hören,

ein gutes Gedicht lesen,

ein treffliches Gemälde sehen und,

wenn es möglich zu machen wäre,

einige vernünftige Worte sprechen.

Johann Wolfgang von Goethe

Die Kunst ist es, die das Schöne sucht, das Wahre, den Sinn. Das, was unsichtbar ist. Das, was den Menschen formt, ihn wachsen lässt, ja, über sich hinauswachsen. Ihn zum Klingen bringt, ihm die Seele bunt färbt, den Alltag und das Grau aus der Seele wäscht.

Jeden Tag beginne mit einem Gang durch den Garten, ob durch Eis und Schnee oder ein Blütenmeer. Mit dem Blick in den Himmel, der uns umsonst gegeben und geschenkt. Ein Lied in den Ohren, Sonntagshymnen. Fern ab von Hektik, Misstönen, von Disharmonien.

Worte sprechen verbindet. Menschen, die dies verweigern, verharren auf ihren Positionen. Bleiben stecken in ihrer Abwehr, verkümmern, ersticken.

Ein treffliches Gemälde anzuschauen erfüllt, macht glücklich. Ein treffliches Gemälde zu erschaffen hinterlässt Spuren, trägt durch alle Höhen und Tiefen. 

Geh hinaus in den blühenden Garten, male ein Bild, schreibe ein paar Zeilen und rette die Zeit, die nie wieder dieselbe sein wird.

Verlorener Frühling

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Schnee fällt in diesen späten  Märztagen. Der Winter will nicht weichen. Hält den Frühling fern, jenen mit seiner leisen Wärme, dem Anschwellen der Flüsse und Bäche, dem ersten zarten Grün. Möge er sich heranschleichen der Lenz, auf leisen Sohlen. Jeden Tag ein bisschen mehr. Wie wunderbar wäre das. Noch lauert der Frost in den Nächten, noch liegt der Garten bienenleis.

Und plötzlich das Wunder. Die Wende. Von einem Tag auf den anderen bricht der Sommer herein. Öffnet seine Schleusen. Ohne Vorwarnung. Die Natur wirft üppiges Grün hinaus. Die Wiesen erstrahlen voll gelber Sonnen, die Bienen schwärmen hinaus. Blütenselig. Selbst der alte knorrige Apfelbaum blüht auf und die Kirsche leuchtet weiß bis in die tiefe Nacht. Wo ist der Frühling geblieben? Das zart blaue Band hüllt sich in Schweigen. Stattdessen lodert die Natur in feurig blühendem Brand. Dieser April offenbart was sonst der Sommer uns auftischt. 

Wo ist der Übergang? Das Vorsichtige, Langsame, das Herantasten an die schönste Jahreszeit Sommer. Es ist, als ob das Leise verschwindet. Das Licht, das von Sommer kündet, bleibt verhüllt. Der Winter wandte sich ab. Abrupt. Öffnete dem Sommer das große Tor. Weit.

Und wir stehen und staunen vor diesem Meer aus Blüten, diesem tiefen satten Blau, dem überbordenden Grün. Jubel. Freude. Leichtigkeit. 

Geblendet angesichts der Fülle weißt du: Der Sommer kennt das Harmlose nicht. 

Das Lied meiner Kindheit

 

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Damals. In meinen frühen Kindertagen sitze ich oft auf der Wiese hinter unserem Haus. Aber ich sitze nicht einfach irgendwo auf dieser Wiese, nein. Ich kuschele mich an den Bauch unseres Jagdhundes, rechts und links von mir seine langen haarigen Beine. Sein Bauch, warm und weich, dient mir als Stütze. Heiko bewacht mich, spielt mit mir, zieht mit seinen Zähnen an meinen weißen Kniestrümpfen. Großmutter öffnet das Küchenfenster und schimpft mit ihm. Doch wir brauchen keinen Aufpasser, wir verstehen uns wortlos. Ich sehe in seine braunen treuen Hundeaugen, zupfe Gänseblümchen aus der Wiese. Binde sie zusammen und lege den Blumenkranz um meinen Kopf in meine dunklen langen Haare. Niemand vermag uns zu stören.

Es ist ein klarer Spätsommerabend, als Großvater seine grüne Jagdkleidung anzieht, die langen braunen Stiefel. Sein Gewehr schultert. Eigentlich soll ich früh schlafen, aber ich bettle, dass er mich mitnimmt auf die Pirsch. Und ich weiß genau, mein Bitten und Flehen würde erfolgreich sein. Schnell springe ich in lange dunkle Hosen, einen flauschig warmen Pullover, fertig. Es kann los gehen. Wir fahren mit Großvaters natürlich grünem – alten Mercedes. Wie immer, wenn Großvater auf die Jagd geht, stellt er seinen Wagen im Innenhof des großen alten Gutshofes „Haus Ley“ ab, begrüßt die Gutsherren und macht sich in der Dämmerung auf den Weg.

Mit seiner Hand, die mir vorkommt wie eine feste, große Pranke, führt er mich schweigend durch das hohe Gras, Waldwege entlang, bis wir den Hochsitz erreichen. Mir zieht sich der Magen zusammen, als ich hinaufsehe. Diese hohe Leiter, wacklig, leicht morsch, die beim Betreten schwankt. Ich nehme all meinen Mut zusammen und klettere voran, Großvater schiebt mich, hält mich fest, ich weiß, mit ihm kann mir nichts passieren. Nun ist Geduld gefragt. Geduld und Stille. Als es fast so dunkel ist, dass wir kaum noch etwas sehen, treten Rehe aus dem Wald. Ich wage nicht mehr tief zu atmen. Die Tiere nehmen Witterung auf. Doch sie haben uns nicht entdeckt, Gott sei dank!

Großvater gibt mir vorsichtig das Fernglas. Nun kann ich sie genau sehen, jede Bewegung der Ohren, wie sie ruhig äsen und nur ab und an die Köpfe heben. Großvater schießt kein Wild, wenn ich dabei bin. Wir genießen dieses Naturschauspiel, lieben die Stille, den Geruch frisch gemähter Wiesen. Ich traue mich nicht, mich zu bewegen. Irgendwann kann ich meine Füße nicht mehr spüren, die Kälte kriecht langsam an mir hoch. Nimmt von mir Besitz. Großvater nimmt meine kleine Hand und steckt sie in seine Jackentasche. Meine Lider werden schwer. Ich denke an meine Mutter, wie sie schimpft, wenn wir wieder zu lange bleiben.

Im letzten verblassenden Licht klettern wir hinab und suchen den Weg zurück. Der Lichtkegel der Taschenlampe hilft uns dabei. Ich bin froh darüber, stolpere dennoch. Endlich sehe ich den Gutshof, die erleuchteten Fenster, es riecht nach Kuhstall. Laut umkreisen uns Mauersegler und Fledermäuse. Die alten Herren sitzen in ihrer Stube vor dem Kamin. Franz und Georg von Bellinghausen. Ich zupfe an Großvaters Jacke, will nach Hause. Schlaftrunken klettere ich auf die Rückbank des Wagens und bin bereits eingenickt, als dieser die klapprige Brücke der Agger überquert.

Ich träume von Wäldern, Tieren. Gefühle von Ehrfurcht, Geborgenheit und Glück. 

Kindheit, ein Paradies. Später werde ich es nicht mehr finden!

aus meinem Roman „Hinter dem Rot“, Erinnerungen an „Haus Ley“ in Ründeroth/Engelskirchen