Fragen

Wie groß ist dein Leben?

Wie tief? 

Was kostet es dich?

Bis wann zahlst du?

Wie viel Türen hat es?

Wie oft hast du ein neues begonnen?

Warst du schon einmal gezwungen um es zu laufen?

Wenn ja bist du rundherum gelaufen im Kreis oder hast du Einbuchtungen mitgelaufen?Was dachtest du dir dabei?

Woran erkanntest du dass du ganz herum warst?

Bist du mehrmals gelaufen? War das dritte Mal wie das zweite? 

Würdest du lieber die Strecke im Wagen fahren? oder gefahren werden? in welcher Richtung? von wem?

(Erich Fried)

Wie groß ist mein Leben in diesen Tagen? Wie tief? Was kostet es mich?

Eng ist er geworden, der Radius meines Lebens. Corona eng. Wie tief? Es wirft mich auf mich selbst zurück, mein Leben. Ich stehe hier und kann nicht anders, als mich selbst zu betrachten im Spiegel der gelebten  Zeiten. Hell war der Horizont. Einst. Blendend hell, sodass mir bang ward vor der unendlichen Weite. Vor mir die 1000 Wege. Die Vielzahl der Möglichkeiten.

Heute legt sich Dämmerung um unser aller Leben. Rufe nach Abstand. Kein Lächeln sichtbar. Keine Gesichter, in denen ich Fröhlichkeit lese. Nicht Mimik, sondern Maske. Nicht Offenheit, sondern Verdecktheit. Unfreiwilliges sich nicht zeigen können.

Was hat es mich gekostet, das Leben? Heute stehe ich hier, wo mein Weg begann. Bin ich im Kreis gelaufen? Habe ich mich verlaufen im Dickicht der Begegnungen und Jahre? 

Was hat es mich gekostet, um dorthin zu gelangen, wo der Sinn am größten? Wo der innere Reichtum am wohltuendsten? Lehrjahre hat es gekostet. Umwege. Brüche. Stürze und Schlussakkorde. Und doch wieder der Zauber des Neubeginns. Immer wieder durch andere Türen gehen. Menschen begegnen und lieben. Andere zurücklassen und im Inneren bewahren. Ungeachtet ihrer Taten. Sonnenzeiten und Schattenzeiten.

Gefahren werden, um das Leben zu umrunden? Nein. Aufbrechen zu Fuß. Das Gesicht im Wind. Auch wenn die Haut dünn geworden. 

Was bleibt? Erinnerungen an bewegende Zeiten, in denen der Bewegung keine Grenzen gesetzt wurden. Heute trotz aller äußeren Begrenzungen der Genuss einer inneren Bewegtheit auf den farbenfrohen, unendlich freien Pfaden der Kunst. Der Malerei, die Welten erschafft, Bilder, Menschen, Freiheit ohne Grenzen. Der Wortmalerei, die Geschichten webt, Teppiche aus Träumen, die über alle Mauern hinweg tragen. Musik, deren Töne und Melodien weiterschwingen, ungeachtet jeder Begrenzung. Freiheiten in Herz und Hirn, die von niemandem und nichts begrenzt werden können.

Ab und an der Gang durch den schweigenden Wintergarten. Dort auf der alten Bank  werde ich warten auf die Rückkehr der Kraniche.

Inferno

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Ich liebe die stille Stunde vor Sonnenaufgang, Wenn der Tau noch auf den Blättern liegt. Septembrisch sanft, in dieser Zeit zwischen Hochsommer und Herbst.

Doch die Stille der frühen Morgenstunde wird zerrissen vom Kreischen mehrerer Motoren. Am Fuß der braunen Fichten-Riesen jagen Baumfäller ihre Beile in die Stämme. Kurz darauf kreischen Sägen, fräsen sich minutenschnell durch das Jahrzehnte alte Holz, bis der Baum wankt und zu Boden stürzt. Manchmal zwei auf einmal oder im Abstand von Minuten gehen die Riesen zu Boden. Es hallt vom Berg zu mir herüber. Das Zerbersten, das Reißen  des Holzes und kurz darauf ein Stöhnen, ein Donnern der schweren Stämme auf den Waldboden. 

Allabendlich arbeiten sich Bagger durch das am Boden liegende Holz. Ein trauriger Anblick: Statt der hohen Fichten kahler Waldboden mit Mengen von Totholz und dürren Zweigen. Die Maschinen zermalmen die Stämme mit riesigen Krallen als seien die Bäume Streichhölzer. Der einst von Nadeln und Moos bedeckte Boden weilt verletzt und aufgewühlt von den riesigen Reifen der Maschinen, die die schweren Stämme zusammenziehen und aufstapeln. Keine Stille mehr im Wald. Kein Wild. Sondern heulende Motorengeräusche von Sägen und Baggern.

Ein Friedhof der Natur. Nicht leise und friedlich, sondern lärmend brachial. Wald  und Waldboden liegen von den Krallen der Maschinen zermalmt. Zerstörung wütet wie ein wildes Tier. 

Wenn der Wald stirbt …

 

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Was habe ich geliebt an meiner Heimat seit Kindertagen? Honigbienen und den Wald. Unser Haus lag von Wald umgeben am Kerberg und Großvater erntete den geliebten Tannenhonig, den wir an jedem Nachmittag auf buttrigem Rosinenstuten verzehrten. Mein Zimmer war das kleinste im Haus, aber ich wählte es trotzdem, denn es lag im zweiten Stock mit Blick ins Grün der hohen Tannen. Jeden Abend öffnete ich die Fensterflügel weit und schlief ein mit dem Rauschen der Zweige.

Hin und wieder wurde ein Baum gefällt und es duftete nach Harz und frisch geschlagenem Holz. Ein Wohlgeruch, der mich mein Leben lang begleitete und den ich immerfort gesucht habe.

Heute bin ich zurück in diesem alten Haus mit dem verwunschenen Garten. Die letzten Sommer waren heiß und trocken. Eine ungekannte Hitze, sodass ich die alten grünen Schlagläden tags über schließen musste, als stünde das Haus irgendwo im Süden. Dort wo man in der Mittagshitze die Läden schloss und sich in den Schatten zurück zog. Aber nicht nur ich litt unter den Glutsommern. Es war der Wald, der nahezu plötzlich sein sattes Grün verlor, seine Geschmeidigkeit, sein Rauschen im Wind, wenn dieser durch die Zweige fuhr. Plötzlich standen Ast für Ast starr und braun, die Rinde löste sich von den Stämmen, die Nadeln von den Zweigen. Verdorrte mahnende Riesen. Todgeweiht.

Wie damals schlief ich in der Mansarde bei weit geöffneten Fensterflügeln. Das Kopfende des Bettes mit Blick in den Wald. Doch Morgen für Morgen wurde ich unsanft geweckt von den Einschlägen der Beile und den heulenden Sägen. Von den Schreien der Baumfäller kurz bevor die Stämme zerbrachen und mit einem gewaltigen Donnern auf den weichen Waldboden schlugen. Die Erde vibrierte gleich einem Erdbeben. Dann war es still. Totenstill. Und nur Minuten später das Gleiche von vorn. Tag für Tag. Am Ende zogen brachiale Maschinen die Stämme von den Bergen und zerstörten auch den Waldboden.

Tags durfte niemand den Wald betreten. Jeden Abend ging ich hinein, Baum an Baum lagen am Wegesrand. Noch nie habe ich Holz und Harz so intensiv riechen können wie an jenen Abenden. Ein ganzer Wald lag aufgestapelt am Wegesrand. Eine große Holzscheibe nahm ich mit nach Hause, um den Duft im Haus zu verströmen.

Kein Ast wehte mehr im Wind. Die Stille glich einer Totenstille. Ich setzte mich auf einen der gewaltigen Stämme, atmete ihren Duft.

Es schien friedlich und still, aber in Wahrheit war ich Zeugin eines Baumsterbens von einem scheinbar surrealen Ausmaß. Ganze Berghänge verloren ihre Fichten, standen kahl.

Doch war nicht der Wald auch manchmal ein Ort, an dem es dunkel und bedrohlich schien? Dort wo die Bäume dicht standen?

Heute war das Tal durchsonnt, kein Baum warf Schatten.

Der Wald stirbt. Die Hoffnung bleibt. Hoffnung auf Erneuerung.

© Sabine Wallefeld

Rezept gegen die Angst

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Rezept

Jage die Ängste fort
Und die Angst vor den Ängsten.
Für die paar Jahre
Wird wohl alles noch reichen.
Das Brot im Kasten
Und der Anzug im Schrank.

Sage nicht mein.
Es ist dir alles geliehen.
Lebe auf Zeit und sieh,
Wie wenig du brauchst.
Richte dich ein.
Und halte den Koffer bereit.

Es ist wahr, was sie sagen:
Was kommen muß, kommt.
Geh dem Leid nicht entgegen.
Und ist es da,
Sieh ihm still ins Gesicht.
Es ist vergänglich wie Glück.

Erwarte nichts.
Und hüte besorgt dein Geheimnis.
Auch der Bruder verrät,
Geht es um dich oder ihn.
Den eignen Schatten nimm
Zum Weggefährten.

Feg deine Stube wohl.
Und tausche den Gruß mit dem Nachbarn.
Flicke heiter den Zaun
Und auch die Glocke am Tor.
Die Wunde in dir halte wach
Unter dem Dach im Einstweilen.

Zerreiß deine Pläne. Sei klug
Und halte dich an Wunder.
Sie sind lang schon verzeichnet
Im grossen Plan.
Jage die Ängste fort
Und die Angst vor den Ängsten.

Mascha Kaleko

(aus: Die paar leuchtenden Jahre)

 

Torso

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Skulptur von Ute Hölscher

 

WinterSonnWende

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Wunderwarme Frühlingsnacht. Zeichen des Wandels. Die Dunkelheit weicht, endlich gehen wir dem Licht entgegen. 

Mit der Dunkelheit geht auch das Jahr. Einem Jahr, das durch die Zeit galoppierte. Fahrt auf einem Karussell, das sich zu schnell drehte, nie innehielt. Rasante Zeiten voll plötzlicher Veränderungen. Wieder und wieder. 

Sehnsucht nach Stille blüht in der milden WinterSonnenWendNacht. Die Mondsichel kündet von Wundern. Von einer wundervollen Wende. 

Die Sonne steht still. Laue Luft breitet ihre Flügel aus. Die Raunächte beginnen, geheimnisvoll, lautlos und von einer stillen Dauer wie keine andere Zeit.

Zeit für eine Rückschau. Zeit für den Blick hinüber auf das Neue Jahr. Zeit der Besinnung. Zwischenzeit. Brücke zwischen den Jahren, zwischen Vergangenheit und Zukunft. Brücke zwischen Diesseits und Jenseits. Abschied und Freude auf den Neubeginn.

 

Abschied vom Jahr

Das Jahr verebbt 

in sanftem letzten Wellengang 

die Zeit ist abgelebt 

verstummt des Sturmes brausender Gesang

Blausegler gehen müd’ an Land 

der Käpt’n geht von Bord 

geborsten liegt das Jahr im Sand 

der Glanz der Morgenstunde ist hinfort

Wenden, halsen, alles wagen 

Anker werfen, Anker zieh’n 

Pfeilgenau in allen Lebenslagen 

das Meer bezwingen und versteh’n

Nimm Abschied Jahr 

Gefährte durch Gezeiten 

die Nacht ist sternenklar 

lebe wohl 

mein Herz wird dich begleiten!

Aufbruch in die Freiheit

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aufbruch

lass dich nicht fesseln
von deinen wurzeln
sie reichen zurück
in die zeit
die dich nicht mehr
nähren kann

nimm wenig mit
außer dir –
gedanken zu tragen
die du nicht brauchst
wiegt zu schwer

lerne für dich
eine neue sprache:
wo freiheit ist
schmeckt das brot süß

Marlies Blauth

glück

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glück

tritt ein

glück

bleib

du sollst

mein

zuhause sein

bis du

weiter wanderst

hinaus in die nacht

erinner ich deinen glanz

und erwarte

deine rückkehr

glück um glück