Deine und meine Zeit

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Über deiner und meiner Zeit

nahm der Himmel verschiedene Färbungen an

nahm der Wind eine andere Richtung

verlor sich der Duft.

 

Aber in deiner und meiner Zeit

dauert noch immer unser Finden

dieses Geheimnis

das nur du und ich kennen.

 

Zwischen deiner und meiner Zeit

zündet der Himmel 

ein Sternenmeer 

in dem nur du und ich einander begegnen.

MittSommerNacht

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Sieben verschiedene  Sorten von Blumen pflücke ich auf dem Feld. Solange, bis sich ein riesiger bunter Bogen über den Himmel zieht. Regenbogen ohne Regen. Die Wolken rosa, wie im Märchen. Dahinter der Kirchturm, in der Mulde das schläfrige Dorf.

Sieben Sorten von Blumen sollen mir Glück bringen. Sieben Jahre Freiheit. Sieben wunderbare Jahre.  

Weiße wunderbare Nacht, in der das Licht von Hoffnung kündet. 

LebensKunst

 

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Man soll alle Tage wenigstens ein kleines Lied hören,

ein gutes Gedicht lesen,

ein treffliches Gemälde sehen und,

wenn es möglich zu machen wäre,

einige vernünftige Worte sprechen.

Johann Wolfgang von Goethe

Die Kunst ist es, die das Schöne sucht, das Wahre, den Sinn. Das, was unsichtbar ist. Das, was den Menschen formt, ihn wachsen lässt, ja, über sich hinauswachsen. Ihn zum Klingen bringt, ihm die Seele bunt färbt, den Alltag und das Grau aus der Seele wäscht.

Jeden Tag beginne mit einem Gang durch den Garten, ob durch Eis und Schnee oder ein Blütenmeer. Mit dem Blick in den Himmel, der uns umsonst gegeben und geschenkt. Ein Lied in den Ohren, Sonntagshymnen. Fern ab von Hektik, Misstönen, von Disharmonien.

Worte sprechen verbindet. Menschen, die dies verweigern, verharren auf ihren Positionen. Bleiben stecken in ihrer Abwehr, verkümmern, ersticken.

Ein treffliches Gemälde anzuschauen erfüllt, macht glücklich. Ein treffliches Gemälde zu erschaffen hinterlässt Spuren, trägt durch alle Höhen und Tiefen. 

Geh hinaus in den blühenden Garten, male ein Bild, schreibe ein paar Zeilen und rette die Zeit, die nie wieder dieselbe sein wird.

Verlorener Frühling

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Schnee fällt in diesen späten  Märztagen. Der Winter will nicht weichen. Hält den Frühling fern, jenen mit seiner leisen Wärme, dem Anschwellen der Flüsse und Bäche, dem ersten zarten Grün. Möge er sich heranschleichen der Lenz, auf leisen Sohlen. Jeden Tag ein bisschen mehr. Wie wunderbar wäre das. Noch lauert der Frost in den Nächten, noch liegt der Garten bienenleis.

Und plötzlich das Wunder. Die Wende. Von einem Tag auf den anderen bricht der Sommer herein. Öffnet seine Schleusen. Ohne Vorwarnung. Die Natur wirft üppiges Grün hinaus. Die Wiesen erstrahlen voll gelber Sonnen, die Bienen schwärmen hinaus. Blütenselig. Selbst der alte knorrige Apfelbaum blüht auf und die Kirsche leuchtet weiß bis in die tiefe Nacht. Wo ist der Frühling geblieben? Das zart blaue Band hüllt sich in Schweigen. Stattdessen lodert die Natur in feurig blühendem Brand. Dieser April offenbart was sonst der Sommer uns auftischt. 

Wo ist der Übergang? Das Vorsichtige, Langsame, das Herantasten an die schönste Jahreszeit Sommer. Es ist, als ob das Leise verschwindet. Das Licht, das von Sommer kündet, bleibt verhüllt. Der Winter wandte sich ab. Abrupt. Öffnete dem Sommer das große Tor. Weit.

Und wir stehen und staunen vor diesem Meer aus Blüten, diesem tiefen satten Blau, dem überbordenden Grün. Jubel. Freude. Leichtigkeit. 

Geblendet angesichts der Fülle weißt du: Der Sommer kennt das Harmlose nicht. 

Das Lied meiner Kindheit

 

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Damals. In meinen frühen Kindertagen sitze ich oft auf der Wiese hinter unserem Haus. Aber ich sitze nicht einfach irgendwo auf dieser Wiese, nein. Ich kuschele mich an den Bauch unseres Jagdhundes, rechts und links von mir seine langen haarigen Beine. Sein Bauch, warm und weich, dient mir als Stütze. Heiko bewacht mich, spielt mit mir, zieht mit seinen Zähnen an meinen weißen Kniestrümpfen. Großmutter öffnet das Küchenfenster und schimpft mit ihm. Doch wir brauchen keinen Aufpasser, wir verstehen uns wortlos. Ich sehe in seine braunen treuen Hundeaugen, zupfe Gänseblümchen aus der Wiese. Binde sie zusammen und lege den Blumenkranz um meinen Kopf in meine dunklen langen Haare. Niemand vermag uns zu stören.

Es ist ein klarer Spätsommerabend, als Großvater seine grüne Jagdkleidung anzieht, die langen braunen Stiefel. Sein Gewehr schultert. Eigentlich soll ich früh schlafen, aber ich bettle, dass er mich mitnimmt auf die Pirsch. Und ich weiß genau, mein Bitten und Flehen würde erfolgreich sein. Schnell springe ich in lange dunkle Hosen, einen flauschig warmen Pullover, fertig. Es kann los gehen. Wir fahren mit Großvaters natürlich grünem – alten Mercedes. Wie immer, wenn Großvater auf die Jagd geht, stellt er seinen Wagen im Innenhof des großen alten Gutshofes „Haus Ley“ ab, begrüßt die Gutsherren und macht sich in der Dämmerung auf den Weg.

Mit seiner Hand, die mir vorkommt wie eine feste, große Pranke, führt er mich schweigend durch das hohe Gras, Waldwege entlang, bis wir den Hochsitz erreichen. Mir zieht sich der Magen zusammen, als ich hinaufsehe. Diese hohe Leiter, wacklig, leicht morsch, die beim Betreten schwankt. Ich nehme all meinen Mut zusammen und klettere voran, Großvater schiebt mich, hält mich fest, ich weiß, mit ihm kann mir nichts passieren. Nun ist Geduld gefragt. Geduld und Stille. Als es fast so dunkel ist, dass wir kaum noch etwas sehen, treten Rehe aus dem Wald. Ich wage nicht mehr tief zu atmen. Die Tiere nehmen Witterung auf. Doch sie haben uns nicht entdeckt, Gott sei dank!

Großvater gibt mir vorsichtig das Fernglas. Nun kann ich sie genau sehen, jede Bewegung der Ohren, wie sie ruhig äsen und nur ab und an die Köpfe heben. Großvater schießt kein Wild, wenn ich dabei bin. Wir genießen dieses Naturschauspiel, lieben die Stille, den Geruch frisch gemähter Wiesen. Ich traue mich nicht, mich zu bewegen. Irgendwann kann ich meine Füße nicht mehr spüren, die Kälte kriecht langsam an mir hoch. Nimmt von mir Besitz. Großvater nimmt meine kleine Hand und steckt sie in seine Jackentasche. Meine Lider werden schwer. Ich denke an meine Mutter, wie sie schimpft, wenn wir wieder zu lange bleiben.

Im letzten verblassenden Licht klettern wir hinab und suchen den Weg zurück. Der Lichtkegel der Taschenlampe hilft uns dabei. Ich bin froh darüber, stolpere dennoch. Endlich sehe ich den Gutshof, die erleuchteten Fenster, es riecht nach Kuhstall. Laut umkreisen uns Mauersegler und Fledermäuse. Die alten Herren sitzen in ihrer Stube vor dem Kamin. Franz und Georg von Bellinghausen. Ich zupfe an Großvaters Jacke, will nach Hause. Schlaftrunken klettere ich auf die Rückbank des Wagens und bin bereits eingenickt, als dieser die klapprige Brücke der Agger überquert.

Ich träume von Wäldern, Tieren. Gefühle von Ehrfurcht, Geborgenheit und Glück. 

Kindheit, ein Paradies. Später werde ich es nicht mehr finden!

aus meinem Roman „Hinter dem Rot“, Erinnerungen an „Haus Ley“ in Ründeroth/Engelskirchen

 

 

Abschied, der ein Anfang war

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Eine Tür fällt ins Schloss. Laut. Unwirklich. An diesem kalten Dezembertag.

Schritte hallen nach. Treppenstufen knarren. Sie geht. Worte bleiben. Ihre Stimme gefangen in den leeren Räumen. Verfangen im Gemäuer. Bei Tag und bei Nacht. Ein Echo der vergangenen Jahre. Drohgebärden. Demütigungen. Worte wie Trommelwirbel und Paukenschläge.

Tage vergehen. Wochen. Monate. Es ist, als sprächen die Wände. Unerbittlich. Unermüdlich. Vor und nach Mitternacht. Misstöne dringen durch die Ritzen des Mauerwerks. Sprengen die Fugen der Steine. Höhlen aus. Mauern werden marode. Stürzen ein.

Nachts sind die Flure beleuchtet. Helligkeit, damit die dunklen Worte in den verriegelten Räumen harren. Nicht ans Licht kommen. Ein Haus, das im Licht der Scheinwerfer steht, trotzig, selbst in den dunkelsten Stunden. Licht, das das Böse verdrängt, abwehrt, überstrahlt bis die Sonne aufgeht.

Worte wie Schwerter verlieren an Kraft. Der Klang der vergangenen Zeit wird leiser. Irgendwann ist er verstummt. Nur noch blasse Erinnerung. Überdeckt von den Melodien des Klaviers, dessen Klänge Haus und Garten einfärben. Von Frohsinn und Freiheit erzählen. Etuden eines neuen Lebens. Töne, die jubeln, aufgehen wie die Blüten der Apfelbäume. Durch den grünenden Garten schwirren. Ton um Ton mit dem Flug der Bienen. Frühling verdrängt auch den letzten leisen Ton der fliehenden, düsteren Jahre.

Anfang. Zauber wunderbarer Zeiten.

Anno 2013

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Es steht im Sturm. Das alte Gemäuer, seit fast 100 Jahren. In manchen Nächten, wenn der Wind von Westen kommt, stöhnt es wie ein Schiff, das auf hoher See von gefräßigen Wellen hin und her geworfen wird. Heulend reißen die Böen an klapprigen Fenstern und zeternden Ziegeln.

Ein Schiff ohne Kapitän, das hörbar stöhnt, doch niemals sinkt. Hörst du das Flüstern von glanzvollen Festen und Feiern? Hörst du das Raunen von Streit und Versöhnung? Märchen aus tausenden Nächten der vier Generationen, Geschichten, die der Wind um die Mauern bis in den verwilderten Garten trägt. Melodien tönen durch das Laub der alten Apfelbäume. Erzählen von Freuden und Leid, von der ewigen Sehnsucht nach Heimat und gelebtem Leben. Und der Geruch von Tabak und Honig erinnert an einen einzigartigen Menschen. 

Das bunte Leben von damals längst verstummt, am Himmel ein ernstes Blau. Das Lachen verklungen. Die Türen verriegelt, die Fenster mit schwerem Samt verdunkelt. Feuchtigkeit perlt vom dünnen Glas der Scheiben wie verfließende Zeit. Ein Haus, dem der Atem stockt.

Hier konnte man nicht gedeihen, nicht blühen,

nur BLEIBEN.

Den Staub der vergangenen Jahre hinwegfegen und bleiben.

TotenSonntag

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Wenn selbst Sterne schweigen

Die schmale Birke ragt hoch hinaus, scheu dem Himmel entgegen. Einst dicht am Gemäuer des Hauses gepflanzt, streckte sie schnell ihre Triebe empor, himmelwärts. An diesem Abend scheint es, als berührten ihre Zweige die Sterne. Kahles Geäst, von dem sich das letzte Blatt löst. Fällt. Leise. Andächtig stehe ich, wage kaum zu atmen, selbst die Sterne schweigen. Senden dünnes Licht. Ein Mensch fehlt. Mit ihm verschwand das Funkeln. Erinnerungen flüstern von Sommerzeiten, tanzen im Gezweig. Kalt schneidet der Nordwind. Die Rufe der Kraniche sind verstummt. Sehnsucht im Gefieder, zogen sie der Sonne entgegen. Der Garten hinter dem Haus liegt dunkel und welk. Durch die verlassenen Bänke wächst Gestrüpp. Das Abendlied der Amsel ist längst verhallt. Sommers, wenn sie Sonne getrunken, ist ihre Melodie ein Aufruf. Ein Ruf, in warmen Nächten zu wachen. Jede Stunde der kostbaren Zeit. Heute, in diesen novembrischen Abendstunden mahnt das Lied der Amsel der Toten zu gedenken. Tönt von Trauer. Erinnerungen an vergangene Zeiten färben den Himmel honigrot und blaubeerblau. Für einen Wimpernschlag.

 

LebensHerbst

 

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Herbst

Für dich, der fortging,
und für mich, die zurückblieb,
sind es zwei Herbste.

Buson

Erst heute begreife ich, was Du warst, wer du gewesen bist. Es tut exakt so weh, wie der Verlust es verdient. Und der Schmerz zeigt, dass man erinnert, dass man nicht vergessen kann. Schmerz als Verstärker der Erinnerung. Wir steigen in Träume hinab, wir steigen in die Erinnerung hinab, nur können wir sie nicht mehr gemeinsam bestätigen, die Erinnerung wird durch das singuläre Zurückbleiben verdünnt.

Der Leise ist an einem stillen Sommerabend gegangen und hat das Laute zurückgelassen. Erst heute ahne ich, wie viel Kraft es gekostet haben muss, Haltung zu wahren, zu bewahren, Stil, Respekt. All das verschwand mit Dir und es bleibt nichts. Leere. Chaos. Kälte. Eine Flut blinder Aggression, Neid, Hass, die in Zerstörung mündet.

Doch ich werde Dir zeigen, dass es jemanden gibt, der noch stärker ist, als Du. Jemand, der den menschlichen Entgleisungen trotzt.

Ich warte auf Dich, dort, wo wir das letzte Mal zusammen gesessen. Die Bank wird dann verwittert  sein, von den Stürmen vieler Herbste. Aber sie steht auf dieser Lichtung, dort unter dem Apfelbaum.

Das letzte herbstverlorene Blatt wird sich gelöst haben vom kahlen Holz des Baumes. Fällt. Wir fallen, finden uns wieder. Gott sei Dank!

Herbst-Tag-und-Nacht-Gleiche

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22. September. Tag und Nacht halten sich die Waage, dauern gleich lang. Herbst, der große Sonnenuntergang des Jahres beginnt. Vorhang auf für eine Zeit des Übergangs, des Dazwischen-Seins, zwischen Sommer und Winter. Zeit der Ernte, Zeit der nebelverhangenen Tage, die nicht wach werden wollen. Die dahin dämmern. Sich unsichtbar machen unter grauem Tuch, damit der glasklare Winter sie nicht findet. Noch nicht. Die spinnverwebt sich wegschleichen, bis der Frost sie entblößt. Aufdeckt. Ohne Erbarmen.

Dieser Sommer war nicht groß und weit, nicht blau wie ein Lapislazuli. Dieser Sommer war Erinnerung an flirrende Hitze, an Leichtigkeit, an endlos weiße Nächte. Auch das Warten hat nun ein Ende, kühle Morgen künden von Herbst und Winter. Der Zeit, die tief und schwer ist. „Tiefer als der Tag gedacht.“ (Nietzsche).

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben. „

Rilke