ZeitReise

 

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Bild: Paula Modersohn-Becker, Liegende Mutter mit Kind II

 

Aus meiner tiefsten Seele zieht 

Mit Nasenflügelbeben 

Ein ungeheurer Appetit 

Nach Frühstück und nach Leben.

J.Ringelnatz

Nach jenem Ort eines früheren Lebens, wo die Zeiten unsagbar glücklich gewesen. Zeiten, von einem unwiederbringlichen Duft. Und Zeiten, die duften, vergisst man nie. So unsagbar reich und überschwänglich, dass selbst die Erinnerung noch schwindelig macht. Aufbruch in das Tal am Fluss. Erstes Innehalten an einem Ort der Stille. Einer der Kathedralen, in denen das Tempo des Lebens für eine Weile angehalten wird.  Auszeit mitten im Großstadttrubel. Auch heute ein Ort des Atemholens, um die Sinne zu schärfen für den Weg in eine besondere Wahrnehmung. Wahrnehmung des Gestern. Erinnern der Momente, die das Leben bereicherten, immer wieder, immer während.

Und irgendwann andächtig sitzend vor den  wunderbaren Gemälden der Malerin Paula Modersohn-Becker, die sich nach Paris aufmachte, um das Handwerk des Malens zu erlernen. Techniken, Farben, Formen. Mutig, aufrichtig, neugierig. Jene, die malte und lebte nach dem Motto „Niemals halbherzig“. Halbherzige Kunst ist keine Kunst. Malerei ist Leidenschaft, ansonsten wird sie beliebig. Fad. Paula starb mit 31 Jahren kurz nach der Geburt ihres ersten Kindes und ihr letztes Wort war „schade“.

„Schade“ soll nicht das Wort am Ende eines Lebens sein und wird sofort verdrängt im Anblick eines der schönsten Villenviertel der Stadt. Jugendstilvillen, Häuser, die Geschichten erzählen. Auch meine Geschichte. Das Erkerzimmer liegt durchsonnt, der ausladende Balkon erzählt von vielen Festen. Der Park lädt zum Verweilen ein, die Sonne glitzert durch das bunte Laub. Jedes Blatt, das fällt, flüstert von Erinnerung. Auf der alten knorrigen Bank haben wir ein Leben lang gesessen, so kommt es mir heute vor … Ein Leben lang Seite an Seite, nah und doch so fern.

Und dieser Tag schenkt mir das Gedicht Rilkes, das er für Paula schrieb:

Die roten Rosen waren nie so rot
Als an dem Abend, der umregnet war.
Ich dachte lange an dein sanftes Haar …
Die roten Rosen waren nie so rot.

Es dunkelten die Büsche nie so grün

Als an dem Abend in der Regenzeit.

Ich dachte lange an dein weiches Kleid …

Es dunkelten die Büsche nie so grün.

Die Birkenstämme standen nie so weiß

Als an dem Abend, der mit Regen sank;

Und deine Hände sah ich schön und schlank …

Die Birkenstämme standen nie so weiß.

Die Wasser spiegelten ein schwarzes Land

An jenem Abend, den ich regnen fand;

So hab ich mich in deinem Aug erkannt …

Die Wasser spiegelten ein schwarzes Land.

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