TotenSonntag

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Wenn selbst Sterne schweigen

Die schmale Birke ragt hoch hinaus, scheu dem Himmel entgegen. Einst dicht am Gemäuer des Hauses gepflanzt, streckte sie schnell ihre Triebe empor, himmelwärts. An diesem Abend scheint es, als berührten ihre Zweige die Sterne. Kahles Geäst, von dem sich das letzte Blatt löst. Fällt. Leise. Andächtig stehe ich, wage kaum zu atmen, selbst die Sterne schweigen. Senden dünnes Licht. Ein Mensch fehlt. Mit ihm verschwand das Funkeln. Erinnerungen flüstern von Sommerzeiten, tanzen im Gezweig. Kalt schneidet der Nordwind. Die Rufe der Kraniche sind verstummt. Sehnsucht im Gefieder, zogen sie der Sonne entgegen. Der Garten hinter dem Haus liegt dunkel und welk. Durch die verlassenen Bänke wächst Gestrüpp. Das Abendlied der Amsel ist längst verhallt. Sommers, wenn sie Sonne getrunken, ist ihre Melodie ein Aufruf. Ein Ruf, in warmen Nächten zu wachen. Jede Stunde der kostbaren Zeit. Heute, in diesen novembrischen Abendstunden mahnt das Lied der Amsel der Toten zu gedenken. Tönt von Trauer. Erinnerungen an vergangene Zeiten färben den Himmel honigrot und blaubeerblau. Für einen Wimpernschlag.

 

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