Das Lied meiner Kindheit

 

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Damals. In meinen frühen Kindertagen sitze ich oft auf der Wiese hinter unserem Haus. Aber ich sitze nicht einfach irgendwo auf dieser Wiese, nein. Ich kuschele mich an den Bauch unseres Jagdhundes, rechts und links von mir seine langen haarigen Beine. Sein Bauch, warm und weich, dient mir als Stütze. Heiko bewacht mich, spielt mit mir, zieht mit seinen Zähnen an meinen weißen Kniestrümpfen. Großmutter öffnet das Küchenfenster und schimpft mit ihm. Doch wir brauchen keinen Aufpasser, wir verstehen uns wortlos. Ich sehe in seine braunen treuen Hundeaugen, zupfe Gänseblümchen aus der Wiese. Binde sie zusammen und lege den Blumenkranz um meinen Kopf in meine dunklen langen Haare. Niemand vermag uns zu stören.

Es ist ein klarer Spätsommerabend, als Großvater seine grüne Jagdkleidung anzieht, die langen braunen Stiefel. Sein Gewehr schultert. Eigentlich soll ich früh schlafen, aber ich bettle, dass er mich mitnimmt auf die Pirsch. Und ich weiß genau, mein Bitten und Flehen würde erfolgreich sein. Schnell springe ich in lange dunkle Hosen, einen flauschig warmen Pullover, fertig. Es kann los gehen. Wir fahren mit Großvaters natürlich grünem – alten Mercedes. Wie immer, wenn Großvater auf die Jagd geht, stellt er seinen Wagen im Innenhof des großen alten Gutshofes „Haus Ley“ ab, begrüßt die Gutsherren und macht sich in der Dämmerung auf den Weg.

Mit seiner Hand, die mir vorkommt wie eine feste, große Pranke, führt er mich schweigend durch das hohe Gras, Waldwege entlang, bis wir den Hochsitz erreichen. Mir zieht sich der Magen zusammen, als ich hinaufsehe. Diese hohe Leiter, wacklig, leicht morsch, die beim Betreten schwankt. Ich nehme all meinen Mut zusammen und klettere voran, Großvater schiebt mich, hält mich fest, ich weiß, mit ihm kann mir nichts passieren. Nun ist Geduld gefragt. Geduld und Stille. Als es fast so dunkel ist, dass wir kaum noch etwas sehen, treten Rehe aus dem Wald. Ich wage nicht mehr tief zu atmen. Die Tiere nehmen Witterung auf. Doch sie haben uns nicht entdeckt, Gott sei dank!

Großvater gibt mir vorsichtig das Fernglas. Nun kann ich sie genau sehen, jede Bewegung der Ohren, wie sie ruhig äsen und nur ab und an die Köpfe heben. Großvater schießt kein Wild, wenn ich dabei bin. Wir genießen dieses Naturschauspiel, lieben die Stille, den Geruch frisch gemähter Wiesen. Ich traue mich nicht, mich zu bewegen. Irgendwann kann ich meine Füße nicht mehr spüren, die Kälte kriecht langsam an mir hoch. Nimmt von mir Besitz. Großvater nimmt meine kleine Hand und steckt sie in seine Jackentasche. Meine Lider werden schwer. Ich denke an meine Mutter, wie sie schimpft, wenn wir wieder zu lange bleiben.

Im letzten verblassenden Licht klettern wir hinab und suchen den Weg zurück. Der Lichtkegel der Taschenlampe hilft uns dabei. Ich bin froh darüber, stolpere dennoch. Endlich sehe ich den Gutshof, die erleuchteten Fenster, es riecht nach Kuhstall. Laut umkreisen uns Mauersegler und Fledermäuse. Die alten Herren sitzen in ihrer Stube vor dem Kamin. Franz und Georg von Bellinghausen. Ich zupfe an Großvaters Jacke, will nach Hause. Schlaftrunken klettere ich auf die Rückbank des Wagens und bin bereits eingenickt, als dieser die klapprige Brücke der Agger überquert.

Ich träume von Wäldern, Tieren. Gefühle von Ehrfurcht, Geborgenheit und Glück. 

Kindheit, ein Paradies. Später werde ich es nicht mehr finden!

aus meinem Roman „Hinter dem Rot“, Erinnerungen an „Haus Ley“ in Ründeroth/Engelskirchen

 

 

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